32 Mannschaften treten bei der Fußball-Weltmeisterschaft an. Für jede hat ein Redakteur oder Autor von ZEIT ONLINE oder DIE ZEIT die Patenschaft übernommen. Unsere WM-Paten begleiten ihr Team durchs Turnier und schreiben persönliche Spielberichte. Vor dem Anpfiff haben sie ihre Jungs porträtiert. Hier: England.

Nur wer stark ist, kann für England sein. Wer stark ist, hält die bärtigen Witze über englische Elfmeterschützen und englische Torhüter noch aus. Als starker Englandfan überlebt man trotz der Tatsache, dass England nie einen Blumentopf gewonnen hätte, gäbe es Torlinientechniken seit 1966. Und parallel zum eigenen Älterwerden musste man als Englandfan in den vergangenen Jahrzehnten Zeuge davon werden, wie das Mutterland des Fußballs zum Großmutterland des Fußballs wurde, zum Urgroßmutterland, Ururgroßmutterland.

Erlebte man zwischenzeitlich Modernisierung, kam sie von außen. Ich erinnere mich an die Neuerfindung des britischen Liga-Fußballs durch Arsenal: an der Seitenlinie der Franzose Arsène Wenger, auf dem Platz kein einziger Engländer in Diensten der Londoner.

Irgendwann sind meine Nerven angesichts dieser Tristesse doch schwach geworden. Ich glaube, es passierte in der 22. Minute des Spiels gegen Portugal während der EM 2004. Der Abwehrspieler Jorge Andrade trat Wayne Rooney auf den Schuh und brach ihm einen Mittelfußknochen. Vor diesem Unfall hatte ich noch gedacht: Mit dem 18-jährigen Stürmerstar Rooney, der im Turnier schon vier Tore geschossen hat und wie eine Urgewalt zum gegnerischen Tor drängte, müsste es doch endlich mal klappen mit einem großen Titel – einem, der ohne Schiedsrichterfehlentscheid zustande kommt.

Nun humpelte mein Hoffnungsträger vom Platz. Ich hörte auf, stark zu sein. Und ich hütete mich in der Folge 14 Jahre lang davor, mich lächerlich zu machen, indem ich auf England als Turnierfavorit tippte. Stattdessen nannte ich Deutschland (risikolose Prognose) oder die Schweiz (das bisschen Chauvinismus nimmt einem Kleinstaatler eh keiner übel) oder Argentinien (stets im Bereich des Möglichen). Alle zwei Jahre bestätigte mir das Abschneiden der Engländer, dass ich klug gehandelt hatte, indem ich zwar nicht die Liebe zu ihnen aufgekündigt hatte – aber damit aufhörte, mich zum Prognosenclown zu machen.

Man erinnere sich nur an die vergangene Europameisterschaft. Was mussten sich diejenigen anhören, die über einen künftigen Champion England orakelt hatten und dann mit ansehen mussten, wie ausgerechnet Islands gefühlte Amateure den wie weggetretenen Rooney und seine Mitstreiter nach Hause schickten. Das war der Tiefpunkt: Nicht einmal den Titel "Beste Insulaner" brachten die Engländer mehr nach Hause.

Aber jetzt schnappt der Optimismus wieder nach Luft. Erstmals verspricht die Mannschaft der Three Lions wieder mehr, als eine gute Quali gespielt zu haben. Erstmals sprechen wieder Fakten für und nicht gegen England. Mit Harry Kane trägt einer der besten Stürmer der Welt das Hemd mit dem Georgskreuz. England ist im vergangenen Jahr U20- und U17-Weltmeister geworden. Nicht nur diese Jugendteams, sondern vermehrt auch die A-Nationalmannschaft praktizieren Dinge, die man von einer englischen Auswahl früher kaum gesehen hat: Offensivpressing, schnelles Umschaltspiel, überraschende Wechsel zwischen Ballbesitzpassagen und Hochgeschwindigkeitsphasen.

Das wichtigste Argument aber, das für die Engländer spricht: An einem neuralgischen Punkt haben sich die Machtverhältnisse grundlegend verschoben. Vorbei sind die Zeiten, in denen Patzerkönige wie David Seaman, David "Calamity" James und Joe Hart zwischen den englischen Pfosten alle englischen Möglichkeiten zunichtemachten, während in Deutschland nur unbezwingbare Torhüter aus dem Boden zu schießen schienen. Vor dieser WM macht nämlich das unerhörte Gerücht die Runde, Bayern München sehe sich nach einem neuen Torhüter um – in England! Und wo genau? In Englands Nationalteam!

Jordan Pickford in Lederhosen – das Undenkbare wird bereits gedacht. Und das in einer Zeit, in der Jogi Löw mit einem am Fuß lädierten Keeper in die WM startet und vor den Augen der Weltöffentlichkeit ausgerechnet deutsche Torhüter (erst Sven Ulreich, dann Loris Karius) Real Madrid zum Sieg in der Champions League gepatzt haben.

Besser können die Zeichen nicht stehen. Wenn nicht jetzt England, wann dann?

Warum wird dieses Team Weltmeister?

Weil es nicht in die Situation kommt, Elfmeter schießen zu müssen.

Warum vielleicht doch nicht?

Es könnte natürlich sein, dass mal eine Verlängerung nicht ausreicht zum Siegtor.

Wer kommt ganz groß raus?

Trent Alexander-Arnold. Unmöglich, dass Jürgen Klopp nicht auch noch bei der WM eine Duftmarke setzt. Unter ihm kam der 19-jährige Alexander-Arnold bei Liverpool groß raus. Im letzten Moment nominierte ihn Trainer Gareth Southgate für Russland. Nun schlägt seine Stunde.