32 Mannschaften treten bei der Fußballweltmeisterschaft an. Für jede hat eine Redakteurin oder ein Autor von ZEIT ONLINE oder DIE ZEIT die Patenschaft übernommen. Unsere WM-Paten begleiten ihr Team durchs Turnier und schreiben persönliche Spielberichte.

Bis gestern galt Jérôme Agyenim Boateng als tiefenentspanntester Fußballspieler der Welt. Seit Sonntagnachmittag weiß man, wer diesen Titel neuerdings tragen darf: Harry Edward Kane, Captain der englischen Nationalmannschaft. Allein seine verwandelten Strafstöße gegen Panama waren Kunstwerke: zweimal kurzer Anlauf, zweimal ein Strich in den linken oberen Winkel. Beide Elfer so souverän geschossen, dass Kane sich kein einziges Mal mit Gedanken aufhalten musste, in welche Ecke der gegnerische Torhüter möglicherweise zu hechten gedenken könnte. Nein, da gab es einfach nichts zu halten für niemanden. Nein, Captain Kane, besser kann man es nicht machen!

Es gäbe an dieser Stelle nun Gelegenheit, über Engländer und Elfmeter zu kalauern (weil sie jetzt immerhin schon einen haben, der trifft). Oder man könnte lustige Sentenzen darüber dichten, dass erstmals seit Peter Shilton ein Mann im englischen Tor steht, der nur unhaltbare Treffer kassiert. Aber diese beiden typisch deutschen Reflexionsvarianten über englisches Fußballschaffen haben sich abgenutzt, seit Gareth Southgate die Three Lions coacht. Und seit es Harry Kane an der Spitze dieser Truppe gibt.

Zwei Elfmeter, zwei Schüsse in den Winkel

England hat auch gegen Panama gezeigt, dass es fußballerisch ein neues Land geworden ist. Eins mit Möglichkeiten. Und mit Harry Kane hat es einen Leader, der zwei essentielle Kernkompetenzen des Fußballs kongenial in sich vereint: maximale Torgefahr plus unerschütterliche Ruhe. Schon im ersten WM-Spiel gegen Tunesien hatte er dies belegt. Zweimal wurde er von panischen Abwehrrecken im Sechzehner zu Boden gerungen, ohne dass ein Pfiff erfolgte – Kane reagierte darauf, als hätte man ihn mit Valium sediert.

An diesem Sonntagnachmittag nun die identische Ausgangssituation: Kane am Boden, von panischen Verteidigern niedergerungen. Diesmal aber gabs den Schiedsrichterpfiff. Ohne ein Zeichen von Nervosität schoß der Gefoulte selbst den fälligen Strafstoß. Diesen zweiten Elfer versenkte er auf den Zentimeter genau, gleich wie er dies bereits mit dem ersten getan hatte. Seine beiden Winkelgeschosse gehören in jedes Lehrbuch für Elfmeterschützen.