André Wiersig ist Extremschwimmer. Er will die Ocean’s Seven schaffen: sieben Ozeandurchquerungen, vergleichbar mit den Seven Summits der Bergsteiger. Zu ihnen zählen 42 Kilometer zwischen hawaiianischen Inseln, der Ärmelkanal oder alles zwischen Irland und Schottland. Vier Strecken hat er schon, im Juli will Wiersig in Japan gut 20 Kilometer von Honshū nach Hokkaidō schwimmen. Das wäre die Nummer fünf. Nur zehn Menschen haben es geschafft, alle sieben Strecken zu schwimmen. Wierisig will der nächste werden.

ZEIT ONLINE: Herr Wiersig, zuerst eine Frage, die Sie sicher schon häufiger gehört haben: Sind Sie verrückt?

André Wiersig: Manche sehen das bestimmt so. Es gibt aber genug Leute, die fasziniert das ungemein, was ich mache. Jeder kennt das: Man steht am Strand, sieht in der Ferne eine Insel und überlegt sich, ob man dort hinschwimmen kann. Mich hat das schon als Kind gereizt.

ZEIT ONLINE: Und dann dachten Sie sich, Sie schwimmen einfach mal los.

Wierisig: Genau. Ich wundere mich immer über die Leute in Miami. Die gehen eigentlich nur bis zur Hüfte ins Wasser. Wer ganz reingeht, den holen sofort die Lifeguards raus. Das Meer ist leider zur Kulisse verkommen. Mal wirklich reinzugehen, rauszuschwimmen, die Komfortzone zu verlassen, das trauen sich die wenigsten. Für mich ist das normal und natürlich, ich muss mich dazu auch nicht überwinden. Trotzdem habe ich Respekt und unterschätze das Meer nicht.

ZEIT ONLINE: Gab es ein besonderes Ereignis, warum Sie im Meer schwimmen wollten?

Wiersig: Wenn wir mit der Familie ans Meer gefahren sind, bin ich sofort rein, als wir angekommen sind. Immer. Ganz gleich, wie spät es war. Ich fühle mich im Meer einfach zu Hause. Als Junge im Schulunterricht las ich über die Kanalschwimmer, über Captain Webb, der das als erster Mensch gemacht hat. Da war mir klar, dass ich das nie schaffen werde. Es erschien mir einfach zu kalt. Später sind die Gedanken wiedergekommen, als ich mit einem Freund im Frühjahr auf Ibiza war. Das Mittelmeer ist dann so kalt wie der Ärmelkanal, 15 Grad. Ich hatte tatsächlich Angst zu schwimmen, habe mich im kalten Wasser sehr unwohl gefühlt. Eine Boje in 200 Metern Entfernung, zu der ich im Sommer problemlos geschwommen bin, erreichte ich nicht. Es war zu kalt. Das wollte ich nicht auf mir sitzen lassen. Ein Jahr lang habe ich kalt geduscht, und im Jahr darauf bin ich zu der Boje geschwommen.

ZEIT ONLINE: Trotzdem wird man ja mit kalten Duschen allein nicht zum Extremschwimmer.

Wiersig: Es hilft aber! Ich habe in den Neunzigerjahren fast professionell Triathlon gemacht. 2002 und 2003 habe ich wieder intensiv Triathlon trainiert. Ich habe mich noch einmal für den Ironman qualifiziert – obwohl ich zu diesem Zeitpunkt den Sport neben Beruf und Familie betrieben habe. Später habe ich mich aufs Radfahren konzentriert. Meine Grundkondition war also schon ziemlich gut. Und wenn man sich strukturiert und diszipliniert auf etwas vorbereitet, kann man es auch leisten. Ich sehe Extremschwimmen als Job, an dem ich Spaß habe.

ZEIT ONLINE: Na, kommen Sie: Spaß? Immerhin schwimmen sie zehn oder mehr Stunden in so kaltem Wasser, mit dem sich andere nicht mal die Hände waschen würden.

Wiersig: Oh doch, ich liebe es! Nicht nur die Bewegung, sondern auch, weil ich mich damit auf der anderen Seite des täglichen Lebens bewege. Ich arbeite als Vertriebsleiter eines IT-Dienstleisters in Hamburg. Wenn ich in der S-Bahn zur Arbeit fahre, sitze ich mit vielen Menschen zusammen. Das ist in Ordnung. Aber auf dem Meer bin ich für mich allein. Das ist das Spannende. Ich bin extrem gerne draußen, nur ich und das Meer.

Verpflegt wird Wiersig auf seinen stundenlangen Trips durch die Meere über ein Beiboot. © André Wiersig

ZEIT ONLINE: Kommt man sich da eigentlich klein vor?

Wiersig: Wie ein winziges Staubkorn. Das bekommt man auch unmissverständlich vorgehalten. Das erdet. Wir Menschen meinen, dass wir alles kontrollieren. Wir lenken Maschinen oder Autos, planen unseren Tag. Aber da draußen zählt das nicht. Der Ozean macht mit dir, was er will. Alle Erwartungen an das Umfeld, an den Partner oder die Arbeit zählen nicht mehr. Das muss man da draußen alles abgeben. Wirklich nichts geschieht so, wie ich es erwarte. Auch wenn ich weiß, wie viele Kilometer das Ziel entfernt ist, dann sagt das nichts darüber aus, wie lange ich dorthin noch brauchen werde.

ZEIT ONLINE: Wie schnell sind Sie unterwegs?

Wiersig: Ich bin in der Lage, mehrere Stunden lang mit vier Kilometern pro Stunde zu schwimmen. Aber auf Hawaii bin ich in eine Strömung geraten und dadurch habe ich in fünf Stunden nur 500 Meter geschafft. Darüber kann man sich dann aufregen. Nützt aber nichts.

ZEIT ONLINE: Wie registrieren Sie, dass sie vorankommen?

Wiersig: Ich frage beim Begleitboot nie nach, wie lange und wie weit noch. Das ist mir fast egal. Ich schwimme ja auch gerne. Natürlich möchte ich ankommen, aber mehr auch nicht.

ZEIT ONLINE: Die Zeit ist Ihnen egal?

Wiersig: Ja! Wer da draußen einen Rekord schwimmt, ist nicht unbedingt der bessere Schwimmer. Wenn er ehrlich ist, hat er an dem Tag einfach Glück gehabt, mit dem Wetter, mit den Strömungen. Du kannst Michael Phelps sein, aber wenn das Meer gegen dich ist, hast du keine Chance.