Jürgen Martschukat, 53, ist Sozial- und Körperhistoriker an der Uni Erfurt. Er schreibt gerade an einer Geschichte der Fitness. 

ZEIT ONLINE: Herr Martschukat, wann kam Fitness erstmals auf?

Jürgen Martschukat: Die erste Fitnesswelle begann in der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Sie sprach vor allem weiße Männer an, die fit für die Nation und ihre Arbeit werden sollten. Frauen sollten damals möglichst nicht an sich arbeiten. Der weibliche Körper diente der Reproduktion. In Medizin und Sozialwissenschaften wurde davon ausgegangen, dass Fitness dem weiblichen Körper eher schade.

ZEIT ONLINE: Gab es Frauen, die dennoch Sport getrieben haben?

Martschukat: Die gab es, jedoch wenige. Ich denke da an Frances Willard und ihr 1895 erschienenes Buch A Wheel Within a Wheel. Sie beschreibt darin, wie sie das Fahrradfahren lernt. Frauen im Korsett, die Fahrrad fahren, das war unschicklich. Wer es dennoch tat, galt als emanzipatorisch. Das war ein politischer Akt.

ZEIT ONLINE: Wie lange blieb das so?

Martschukat: Bis weit in das 20. Jahrhundert Jahre hinein. An Sportzeitschriften sieht man, dass die Fitnessbewegung primär männlich geprägt ist. Das gilt auch für die Anfänge der zweiten Fitnessbewegung ab den Siebzigerjahren. Der männliche Produktionskörper, der leistungsfähig ist, soll trainiert werden. Bis in die frühen Siebziger hinein war es zum Beispiel verboten, dass Frauen an Marathonläufen teilnahmen. Da gab es 50 bis 100 Starter, alles Männer. Der weibliche Körper war dazu da, um sexuell begehrt zu werden. Die zweite Welle der Frauenbewegung veränderte das jedoch. 

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Martschukat: Frauen wollten endlich die Kontrolle über den eigenen Körper gewinnen. Aerobic war die erste Sportart, die einen Fitnessboom für Frauen auslöste und durchaus emanzipatorisch war.

ZEIT ONLINE: Aerobic kombiniert gymnastische Übungen und Tanz. Aber es ist auch eine Sportart, bei der man an Frauen denkt, die sich leicht bekleidet rhythmisch zur Musik bewegen. Aus heutiger Sicht erscheint es nicht besonders emanzipatorisch.

Martschukat: Das stimmt. Einerseits versprach Aerobic Kontrolle über den eigenen Körper, zugleich war der Frauenkörper im Aerobic hochsexualisiert. Es entstand ein neuer weiblicher Normkörper.

ZEIT ONLINE: Wie sah dieser Normkörper aus?

Martschukat: Da muss man sich nur ein Video von Jane Fonda anschauen. Die sexualisierte Bekleidung, die engen Trainingsanzüge und hohen Strümpfe, die Übungen waren hochsexualisiert. Der Frauenkörper war schlank und er wurde muskulöser, das entsprach dem damaligen Trend.

ZEIT ONLINE: Das trifft ja auch die Vorstellung des weiblichen Körpers von heute. Warum ziehen so viele Menschen Erfüllung daraus, permanent an sich zu arbeiten?

Martschukat: Erst einmal würde ich gar nicht abstreiten, dass Fitness auch Spaß macht. Wenn Menschen an sich arbeiten, verspüren sie Erfolg. Sie fühlen sich bestätigt, arbeiten an ihrer eigenen Attraktivität, fühlen sich dadurch stärker, ausgeglichen und wettbewerbsfähiger. Sie werden zu jemandem, der schön, attraktiv und erfolgreich ist.