32 Mannschaften treten bei der Fußball-Weltmeisterschaft an. Für jede hat ein Redakteur oder Autor von ZEIT ONLINE oder DIE ZEIT die Patenschaft übernommen. Unsere WM-Paten begleiten ihr Team durchs Turnier und schreiben persönliche Spielberichte. Vor dem Anpfiff haben sie ihre Jungs porträtiert. Hier: Frankreich.

Die lustigste Frage nach Turnieren ist ja häufig, wie es den Franzosen jetzt schon wieder gelungen ist, nicht Welt- oder Europameister zu werden. Vor zwei Jahren war das doch auch so, gegen Portugals Grauenfußball durfte man, konnte man nicht verlieren, nach 25 Minuten war zudem Portugals einzige Hoffnung Ronaldo vom Platz gehumpelt. Und dann, 109. Minute, Éder, fertig, aus. Frankreich verliert, auch noch zu Hause – und ist selbst schuld.

Man muss das als Kunstform begreifen, die kaum eine Fußballmannschaft so perfekt beherrscht wie das französische Nationalteam: die hohe Schule der Selbstsabotage. Eigentlich ist diese Mannschaft im Kollektiv exakt so wie man selbst als einzelner Mensch – theoretisch brillant, praktisch aber stets unter den angeblichen eigenen Möglichkeiten bleibend. Schon aus purer Eigenliebe muss man sie also verehren, diese fähigste und eleganteste unter allen Versagertruppen. Immer gut gekleidet (Spitzentrikots!), selten mit sich selbst im Reinen. So sind sie halt, die Hochbegabten.

Nominell klingt nie eine andere Mannschaft besser, sportlich wie phonetisch. Doch immer nur vor einem Turnier. Diesmal: Varane und Umtiti, die Edel-Innenverteidigung aus Madrid und Barcelona; Kanté, Matuidi, Pogba im Mittelfeld, die Talisso, den einzigen Bayern-Spieler im französischen Kader, wie einen sicheren Anwärter auf einen schön angewärmten Sitzplatz auf der Ersatzbank wirken lassen; Ähnliches gilt für den 21-jährigen Ex-Dortmunder Ousmane Dembélé, den man in Westfalen für ein Welttalent hielt, was angesichts seines Konkurrenten auf Rechtsaußen, des noch mal knapp zwei Jahre jüngeren, aber circa drei bis sieben Welten besseren Nicht-mehr-Talents Kylian Mbappé, beweist: Der BVB steht schon richtig dort, wo er gerade steht, also international eher im Abseits. Dort hält man vermutlich auch weiterhin Antoine Griezmann für den Superstar des französischen Nationalteams. Ist er nicht mehr, das ist Mbappé. Ja, Griezmann hat Atlético Madrid im Mai zum Europa-League-Titel geschossen. Doch das ist ein Verliererpokal. Außerdem altert Griezmann unschön und hat objektiv Frisurprobleme. Kennt man auch von sich selbst.

Macron könnte einfach im Sechzehner herumstehen und super aussehen

Das Grundproblem der französischen Mannschaften früherer Jahre war zumeist, dass sich die Spieler, einmal in ein WM-Quartier zusammengepfercht, verlässlich binnen kürzester Zeit total zerstritten. Als Symbol des multikulturellen Frankreichs galt dann auch das wieder und wieder absehbare Scheitern des Teams als Beleg dafür, dass das schon immer eine schlechte Idee gewesen sei – das multikulturelle Frankreich.

Die Ausrede gilt bei diesem Turnier nicht mehr, schon aufgrund der bloßen Existenz des jungen Staatspräsidenten Emmanuel Macron, der seinem Land neuen Zusammenhalt verordnet hat, dazu Optimismus, Siegermentalität, Frische. Macrons Vorgänger François Hollande konnte man als Fußballnationalspieler schon mal hängen lassen, der sah auf wirklich jeder Tribüne furchtbar müde aus, selbst beim Parade-Abnehmen, und außerdem mochte ihn absolut niemand. Macron hingegen schaut mit seinen 40 Jahren so aus, als könne er noch selbst auflaufen in Russland, zumindest als Ersatz für den manchmal etwas lustlos wirkenden Torhüter Hugo Lloris. Gegen Australien, Peru und Dänemark wird der Ball eh selten mal in die Nähe des französischen Tors kommen, Macron könnte einfach im Sechzehner herumstehen und super aussehen. Die französischen Feldspieler werden derweil gelangweilt durch die Vorrunde spazieren. Um dann spektakulär seltsam in der K.-o.-Runde aus dem Turnier zu fliegen.

Als Schuldiger und Mensch gewordene Ausrede bleibt diesmal nur der Nationaltrainer Didier Deschamps übrig. Man wird sagen: Er hat die Mannschaft nicht zusammengehalten. Man wird sagen: Er besitzt keinen Humor. Man wird sagen: Er hat keinen Esprit, er war schon immer die Personifizierung der alten Garde, ein Bärbeißer vorm Herrn. Vor allem aber wird man sagen: Er ist einfach nicht Zinédine Zidane.

Die schweigende Lichtgestalt. Der als Spieler die französische Nationalmannschaft zum Welt- und Europameistertitel führte und als Trainer jüngst zum dritten Mal hintereinander mit Real Madrid die Champions League gewonnen hat. Und danach seinen Posten in Madrid aufgab. Da kann der französische Fußballverband derzeit noch so oft behaupten, Deschamps bleibe Nationaltrainer – dessen Nachfolger im Amt steht fest. Alle warten auf Zizou.

Die nächste WM in Katar wird man 2022 gar nicht anpfeifen müssen. Da ist es erstens eh viel zu warm zum Fußballspielen. Und weil zweitens die französische Nationalmannschaft dort sowieso Weltmeister werden wird. Wenn Zidane erst ihr Trainer sein wird, werden den Spielern einfach keine Ausreden mehr einfallen, warum sie noch verlieren sollten. Zizou wird einfach da stehen, schweigen, ausdruckslos gucken – und siegen.

Warum wird dieses Team Weltmeister?

Keine Chance, siehe oben.

Warum vielleicht doch nicht?

Weil ein schönes Scheitern des französischen Teams womöglich doch zu naheliegend ist.

Wer kommt ganz groß raus?

Die sentimentale Antwort wäre: Ägypten, das wäre ausgleichende Gerechtigkeit für Mo Salah nach der Kampfsporteinlage von Sergio Ramos gegen ihn im Champions-League-Finale. Die realistische Antwort lautet: Spanien wird Weltmeister.