Nur noch zweimal schlafen, dann beginnt die Fußball-WM. Außer der Werbewirtschaft ist zwar noch kaum jemand im WM-Fieber (haben Sie schon das neue Deutschland-Deo?), aber das kann ja noch werden. Vielleicht ja mit dieser, unserer WM-Vorschau. Wenn nicht, überstehen Sie damit zumindest jeden Prä-WM-Small-Talk:

Wer sind die Favoriten?

Deutschland jedenfalls nicht. Die gute Nachricht der Vorbereitung (Manuel Neuer wird im Tor stehen) wurde unweigerlich von der schlechten (er wird ordentlich zu tun bekommen) überschattet. Die Titelverteidigung wäre mehr Wunder als Sensation. Bei den deutschen Wettfirmen liegt das DFB-Team trotzdem auf dem zweiten Rang. Besser schätzen die Buchmacher nur Brasilien ein. Ja, Brasilien! Das 2018er-Brasilien hat nur noch wenig mit dem 2014er-Brasilien zu tun. Von der Abwehrreihe, die im Halbfinale leichte Probleme hatte, ist nur Marcelo übrig geblieben. Die Innenverteidiger David Luiz und Dante sind nicht im Kader, Dani Alves ist verletzt. Im Angriff ist Neymar wieder dabei, der in Belo Horizonte fehlte. Auch in diesem Jahr zitterte das Fußballland um ihn. Kurz vor der WM verletzte er sich und engagierte sogar einen Doppelgänger, der bei Sponsorenterminen einsprang, damit der echte Neymar mehr Zeit für die Reha hatte.

Wer könnte noch gewinnen?

Auch Spanien darf zu den Titelanwärtern gezählt werden. Für den Altstar Andrés Iniesta wird die WM wohl der letzte internationale Auftritt, bevor er zusammen mit Lukas Podolski japanischer Fußballrentner wird. Die Spanier wollen Iniesta natürlich mit dem WM-Titel verabschieden. Michael Ballack bekam als Abschiedsgeschenk vom DFB übrigens nur einen Blumenstrauß.

Und Frankreich?

Mit Frankreich wäre dann auch die Reihe der Favoriten komplett. Wie schon zur EM 2016 reisen sie mit einem Überangebot an talentierten Spielern an. Anders als vor zwei Jahren ist allerdings Patrice Evra nicht mehr dabei, womit auch der letzte Hauptakteur des Trainingsboykotts bei der WM 2010 dahinschwindet. Sollten die Franzosen trotzdem auf die Idee kommen, in Russland einen Streik anzuzetteln, hat Ousmane Dembélé sicherlich ein paar nützliche Tipps.

Wer könnte überraschen?

Bei der WM 2014 war es Costa Rica, bei der EM 2016 die Isländer. Beide tauchten plötzlich im Viertelfinale auf. Auch in diesem Jahr wird es wohl eine Mannschaft geben, die den Ausgang der obligatorischen Büro-Tipprunden entscheidend beeinflusst. Wer trumpft also in Russland unerwartet auf? Wir glauben da an Peru. In der WM-Qualifikation ließen sie, wenngleich nur dank des besseren Torverhältnisses, Chile hinter sich und sind seit 14 Spielen ungeschlagen. Wie bei Underdogs so üblich tummeln sich die Peruaner gegen spielstarke Teams gerne am eigenen Sechzehner. Bei Ballbesitz traut sich die Mannschaft jedoch durchaus etwas zu, spielt risikoreich und vor allem mit ordentlich Tempo. Paolo Guerrero und Jefferson Farfán, beide mit skandalumwobener Bundesligavergangenheit, wissen, wo das Tor steht. Peru, Freunde, bei uns habt Ihr es zuerst gehört.

Wie wird sich Russland schlagen?

Nun, zu den russischen Hooligans kommen wir noch … Geht es um die Mannschaft, ist festzuhalten, dass auf dem WM-Gastgeber immer ein besonderer Druck liegt. Jedes Spiel ist ein Heimspiel, die ganze Welt schaut ganz genau hin. Ein Team kann so euphorisiert durch das Turnier cruisen, wie Frankreich 1998, Südkorea 2002 oder Deutschland 2006, oder am Druck zerbrechen und unschön ausscheiden, wie Brasilien 2014. 2010 wurde Südafrikas Nationalelf zum Eichmaß des Versagens, als sie als erster WM-Gastgeber überhaupt in der Vorrunde ausschieden.

Wer soll Ähnliches verhindern?

Vor allem der Trainer Stanislaw Tschertschessow. Seit dem blamablen Vorrundenaus bei der EM 2016 steht er an der Seitenlinie. In Deutschland kennt man ihn als schnauzbärtigen Dresdner Bundesligatorwart und überlebensgroßes Hologramm, das bei der deutschen Kaderbekanntgabe neben Joachim Löw stand. Tschertschessows Spieler sind, bis auf zwei Ausnahmen, in der heimischen Premier-Liga aktiv. Die beiden gebürtigen Deutschen, Roman Neustädter und Konstantin Rausch, wurden Anfang Juni aus dem WM-Kader gestrichen. Der prominenteste Spieler, Igor Akinfejew, steht im Tor, und das schon seit 13 Jahren. Die Vorwärtsbewegung taktet der 22-jährigen Alexander Golowin, ein dynamischer Mittelfeldspieler, dem die Unerfahrenheit allerdings in den juvenilen Gesichtszügen anzusehen ist. Dass der Einzug ins Achtelfinale dennoch möglich scheint, ist der dankbaren Gruppenkonstellation geschuldet. In wohl jeder anderen Gruppe dieser WM wäre für Russland nach drei Spielen Schluss, doch die Gegner Saudi-Arabien, Ägypten und Uruguay lassen hoffen. Beim Eröffnungsspiel am 14. Juni treffen die Russen auf Saudi-Arabien, ein Feiertag für Menschenrechtsgegner weltweit.