Sogar Gary Lineker musste am Ende in die Geschichtsschreibung eingreifen. Damit sein bislang unumstößlich wahres Zitat von 1990, wonach Fußball ein einfaches Spiel von 22 Männern sei, am Ende aber immer die Deutschen gewännen, nicht weiter zirkuliert. Er schrieb nach dem deutschen Vorrundenaus: Fußball sei noch immer einfach, aber die Deutschen gewännen nicht mehr. Die vorherige Version des Zitats gehöre nun der Vergangenheit an.

Man merkt schon: Die anderen haben ihren Spaß mit den Deutschen. Während die WM-Party weitergeht, ist das deutsche Team schon wieder in Frankfurt gelandet. Wo verbringt man eigentlich Frusturlaube?

Natürlich muss jetzt jeder, also Spieler, Trainer und die Pickelhauben der Fans, mit dem deutschen Vorrundenaus klarkommen. Immerhin passierte das zuletzt 2004 bei der EM in Portugal. Danach war Deutschland immer unter den letzten vier Mannschaften. Doch vielleicht tut es dem Land des bald ehemaligen Weltmeisters, der offenbar genau darauf einen Ticken zu sehr gesetzt hatte, gut, nun etwas abzuklingen. Die Titelseite des Berliner Kuriers jedenfalls, auf der eine ganzseitige Todesanzeige für "Schland" (2006-2018) zu sehen war, ist ein erster positiver Effekt.

Keine Ballschiebereien mehr

Überhaupt gibt es eigentlich keinen Grund, den Fernseher aus dem Dauerbetrieb zu nehmen. Wer, wenn nicht die deutschen Fans, wissen, dass in den K.-o.-Spielen Turniere erst beginnen? Oder welche Aktion fällt Ihnen vom deutschen Vorrundenunentschieden gegen Ghana 2014 noch ein? Eben.

Nun entscheidet jedes Spiel über die nächste Runde und keine Fair-Play-Wertung. Es wird Elfmeterschießen geben statt der öden Ballschiebereien wie beim Spiel der Franzosen gegen die Dänen, als beiden das Unentschieden für die nächste Runde genügte. Die Teams, die jetzt noch dabei sind, schafften es entweder, weil sie Lust auf Fußball hatten, also angriffen und sich nicht einigelten. Oder weil sie Cristiano Ronaldo haben. Wer den Fußball liebt, der bleibt jetzt dran. 16 Spiele kommen noch.

Sicher, zur deutschen Elf fühlt man sich schon allein deswegen hingezogen, weil es das Land ist, in dem man wohnt und oder geboren ist. Man kennt die meisten Spieler, was man nicht über Dänemark behaupten kann. Andererseits: Könnte es sein, dass in der globalisierten Welt es ohnehin egal ist, wem man die Daumen drückt? Es soll zum Beispiel nicht wenige Frankfurt-Fans geben, die zu Kroatien halten. Sie wünschen dem Eintracht-Stürmer Ante Rebić nur das Beste, dem DFB hingegen, seit er ihnen im Pokalfinale 2016 Helene Fischer präsentierte, eher das Gegenteil. 

Andere haben in ihrem Sabbatical die Begeisterung der Kolumbianer kennengelernt oder heirateten einen Schweden. An diese Leute sollte man sich nun halten und mit ihnen weiterfeiern. Denn der Fußball büßt ja nichts an seiner Faszination ein, nur weil die Deutschen nicht mehr dabei sind. So wie sie spielten, wird sie auch keiner vermissen.