32 Mannschaften treten bei der Fußballweltmeisterschaft an. Für jede hat eine Redakteurin oder ein Autor von ZEIT ONLINE oder DIE ZEIT die Patenschaft übernommen. Unsere WM-Paten begleiten ihr Team durchs Turnier und schreiben persönliche Spielberichte.

Wer vor der Partie beabsichtigte, auf einen Sieg Panamas zu tippen, dem priesten die einschlägigen Wettanbieter eine Quote zwischen 15 und 40 an. Belgien wird klar als Mitfavorit auf den Titel gehandelt, die Panamaer spielen ihr erstes WM-Turnier überhaupt. Zumindest im Kopf hatte ich diesen Spielbericht schon vorformuliert: Tiefer Pass auf Eden Hazard, der überläuft die gegnerische Abwehrreihe. Flanke von links ins Halbfeld, Romelu Lukaku nickt ein. Fünf Gegentore würden die Roten Teufel Panama verpassen, dachte ich mir, mindestens. Dass es mit einem 0:0 in die Pause gehen würde, hätte wirklich niemand erwartet. Der Halbzeitstand verursachte Ekstase auf den Rängen.

Vor dem Anpfiff hatten die Spieler Panamas mit jedem einzelnen Einlaufkind abgeklatscht – eine im Fußballgeschäft eher seltene Szene, dafür umso herzlicher. Während die meisten Profis die Zeit im Kabinengang nutzen, um sich noch einmal zu fokussieren, war bei den Los Canaleros nur eines zu spüren: Vorfreude, und daran ließen sie alle teilhaben.

Panini-Alben für alle

Einige Spieler wie Kapitän Román Torres, Torwart Jaime Penedo oder Offensivmann Blas Pérez stehen kurz vor ihrem Karriereende. Dass sie noch einmal eine WM spielen durften, freue sie wahnsinnig, sagte der ehemalige Fußballprofi Kevin Kurányi, dessen Mutter aus Panama stammt, vor dem Spiel im Gespräch mit ZEIT ONLINE. Die Auswahl könne ihr Glück kaum glauben, daher gab es den Beweis für das Team noch einmal schwarz auf weiß: "Alle WM-Teilnehmer haben ein Panini-Album bekommen – und gejubelt", sagte Kurányi.

Diese Freude zeigte sich auch auf dem Platz: Panama spielte unbekümmert, engagiert und körperbetont. Vor allem Kapitän Torres war überall zu finden, selbst als er in der elften Minute durch eine missglückte Ballrückgabe für Hazard auflegte. Das wäre fast das 0:1 gewesen. "Die Qualität fehlt, um etwas Großes zu schaffen", sagte Kurányi. Aber das werde auch gar nicht von der Nationalmannschaft erwartet. Was aber erwartet werde: das erste Tor bei einer Weltmeisterschaft in der Geschichte Panamas. Für diesen Fall stehe nach dem Feiertag, der nach der sensationellen Qualifikation ausgerufen worden war, ganz sicher die nächste Feier an, vermutete der WM-Experte der ARD.

Ein Traumtor hilft Belgien in Fahrt zu kommen

Also stemmte sich das Team von Trainer Hernán Darío Gómez Jaramillo mit einem 4-1-4-1-System, das vielmehr zwei Fünferabwehrketten gleichkam, gegen die Topstars aus Belgien, die glanzlos, ja gänzlich uninspiriert wirkten und die Geschwindigkeit ihrer Flügelspieler nicht entscheidend einzusetzen wussten, bis zur 47. Minute: Traumtor. Dries Mertens zirkelt den Ball unhaltbar ins linke obere Eck.

Statt sich in Handballmanier im eigenen Torraum aufzubauen und auf einen glücklichen Standard in der Nachspielzeit zu hoffen, spielte Panama weiter beherzt nach vorn und warf sich unermüdlich in die Zweikämpfe, und wie: In der 55. Minute mogelte sich Michael Murillo an der kompletten belgischen Verteidigung vorbei, kam frei vors Tor, scheiterte aber am Schlussmann. Da wäre es fast gewesen, das erste Tor!

Dass Panama hinten aufmachte, schuf zwangsläufig Räume für die Roten Teufel, die ihre individuelle Qualität nun gnadenlos ausspielten. In der 69. Minute nickte Lukaku dann doch ein, allerdings nach Flanke von Kevin von de Bruyne. Das 3:0 in der 75. Minute war für die Belgier nach den anfänglichen Schwierigkeiten nur noch Ergebniskosmetik. Hängen bleibt jedoch der leidenschaftliche Auftritt Panamas – und falls es auch in den nächsten beiden Spielen nichts mit dem ersten WM-Tor wird, haben immerhin die Panini-Sticker Bestand. Um es in Kevin Kurányis Worten zu sagen: "Die Bilder halten für die Ewigkeit."