32 Mannschaften treten bei der Fußballweltmeisterschaft an. Für jede hat eine Redakteurin oder ein Autor von ZEIT ONLINE oder DIE ZEIT die Patenschaft übernommen. Unsere WM-Paten begleiten ihr Team durchs Turnier und schreiben persönliche Spielberichte.

Liebe Löwen des Atlas: Das war GRAUSAM! Wo bitte soll ich anfangen?

Mit dem Grausamsten, dann haben wir es hinter uns: die 95. Minute. Keine Ahnung, wo ihr zu diesem Zeitpunkt mit den Gedanken wart. Jedenfalls nicht mehr auf dem Rasen des St. Petersburger Stadions. Es steht 0:0, ein verschlampter Ball, ein dämliches Foul, der Iran bekommt einen Freistoß, was an sich noch nichts bedeutet, weil sich die Iraner bei Standards das ganze Spiel über erbärmlich angestellt hatten.

Aber da kommt Marokkos Joker Aziz Bouhaddouz angerauscht und köpft den Ball im Tiefflug ins eigene Tor. Am Millerntor in Hamburg weinen sie wahrscheinlich ebenso bitterlich wie in Casablanca und Rabat. Da hatte der FC St. Pauli, wo Bouhaddouz den Ball sonst im richtigen Netz unterbringt, endlich mal wieder einen Spieler bei einer WM – und dann sichert der sich gleich zum Auftakt die Loris-Karius-Trophäe: ärmste Sau des Turniers.

Nur auf die Knochen

Für die marokkanischen Löwen fing alles ganz gut an. Die ersten fünfzehn Minuten waren mit Abstand die bisher besten des Turniers – auch wenn das angesichts der Magerkost der beiden Begegnungen zuvor nicht allzu schwer war. Marokkos Angreifer Amine Harit und Noureddine Amrabat spielten auf den Flügeln die iranische Abwehr schwindelig, die vor allem eines bewies: ein gutes Auge für die Knochen des Gegners. 

Insbesondere Harit wurde immer wieder umgegrätscht. Und wenn die Iraner mal die Grenze zur marokkanischen Spielfeldhälfte überschritten, pflückten Kapitän Medhi Benatia oder Achraf Hakimi ihnen lässig den Ball vom Fuß. Klassenunterschied! Dachte die Patin. Und ihr marokkanischer Cousin, der jetzt bis auf Weiteres in Schockstarre verharrt.

Es hätte 2:0 stehen können

Aber wie hatte Vetter Karim schon vor Tagen gesagt: Die Abwehr ist Marokkos Stärke, der Angriff seine Schwäche. Was die "Löwen des Atlas" im und um den iranischen Strafraum an Chancen versemmelten, war beachtlich. Nach 20 Minuten hätte es 2:0 stehen können, müssen – und die Vuvuzelas der iranischen Fans wären verstummt.

Aber wie das so oft ist nach einer Anfangsphase voller Sturm und Drang: Wenn nichts dabei rauskommt, wird die stürmende Mannschaft von einer kollektiven Ist-echt-gemein-Ratlosigkeit erfasst. Die hochfavorisierten Löwen ließen nach, die Iraner entdeckten plötzlich die Schönheit des Konterfußballs und kurz vor der Halbzeit konnte sich Marokkos Trainer Hervé Renard bei seinem Torwart bedanken, dass es nicht 0:1 stand. Der Patin war gar nicht mehr wohl zumute.