Andreas Heuer ist Professor am Institut für Physikalische Chemie an der Universität Münster und Experte für komplexe Spiele. Er ist Autor des Buchs "Der perfekte Tipp".

ZEIT ONLINE: Herr Heuer, vor der WM haben wir in der Redaktion ein Tippspiel gestartet. Derzeit führt jemand aus einem, sagen wir mal, eher fachfremden Ressort. Wir vom Sport schneiden eher bescheiden ab. Können Sie uns das erklären?

Andreas Heuer: Gerne. In unserer wissenschaftlichen Arbeit haben wir uns mit der Frage beschäftigt, was beim Vorhersagen von Fußballergebnissen wichtig ist. Die Frage war: Was ist Zufall und damit Glück, wo spielt die Qualität wirklich eine Rolle? Konkret haben wir das für die Bundesliga analysiert. Bei einem durchschnittlichen Bundesligaspiel kann man sagen, dass sich das Ergebnis aus zwei Beiträgen zusammensetzt: einem systematischen und einem zufälligen. Angenommen, zwei exakt gleich gute Mannschaften spielen gegeneinander. Dann könnte man quasi gar nichts vorhersagen, das Ergebnis wäre zu 100 Prozent zufällig. Wenn aber zum Beispiel Bayern München gegen Hannover spielt, dann ist das Ergebnis deutlich durch die vorliegenden Leistungsunterschiede bestimmt. Bei einem typischen Bundesligaspiel liegt der zufällige Beitrag bei 86 Prozent.

ZEIT ONLINE: Das ist viel.

Heuer: Ja. Letztendlich kann man das Fußballspiel als ein Würfelspiel abbilden. Bei Deutschland gegen Südkorea würde das konkret so aussehen: Deutschland darf 13-mal würfeln, weil sie besser sind, Südkorea dreimal, und immer, wenn eine sechs gewürfelt wird, fällt ein Tor. So muss man sich die Statistik beim Fußball vorstellen. Natürlich könnte so auch Südkorea gewinnen, bei dreimal Würfeln kann man zum Beispiel zweimal die sechs würfeln. Oder sogar dreimal.

ZEIT ONLINE: Wenn der Zufall also so groß ist: Ist Vorwissen beim Tippen eher zweitrangig?

Heuer: Nicht direkt. Bei den verbleibenden 14 Prozent fließt das natürlich mit ein. Wenn Sie in der Redaktion über die nächsten zehn Jahre die Bundesligaspiele tippen würden, wird der Faktor Zufall immer geringer. Irgendwann steht man dann wegen seiner fachlichen Expertise oben. Aber es dauert ziemlich lange, bis die Zufallseffekte verschwunden sind. Man kann deshalb sagen: Wer in einem WM-Tippspiel oben steht, hat vor allem Glück. Bei so wenigen Spielen ist es vor allem Zufall. Erst nach vielen, vielen Spielen würde daraus sozusagen eine verdiente Führung, für die, die am meisten Ahnung von Fußball haben.

ZEIT ONLINE: Sie sind Autor des Buchs Der perfekte Tipp. Gibt es diesen wirklich?

Heuer: Letztendlich schon. An den 86 Prozent Zufall kann man nicht arbeiten, woran man arbeiten kann sind die 14 Prozent. Die entscheidende Frage dabei ist: Welche Information aus der Vergangenheit nutze ich? Man sucht Größen, die möglichst perfekt die Leistungsstärke einer Mannschaft abdecken. Offensichtliches wie Punkte und Tore sind da nicht sehr aussagekräftig. Es gibt viel informativere Größen, um sagen zu können, wie gut eine Mannschaft wirklich ist. Wir arbeiten zurzeit mit Stefan Reinartz zusammen, der die Packing-Größe entwickelt hat und systematisch auswertet. Derzeit ist von den von uns untersuchten Werten Packing die mit Abstand beste Größe, um die Stärke einer Mannschaft zu beschreiben.