32 Mannschaften treten bei der Fußballweltmeisterschaft an. Für jede hat eine Redakteurin oder ein Autor von ZEIT ONLINE oder DIE ZEIT die Patenschaft übernommen. Unsere WM-Paten begleiten ihr Team durchs Turnier und schreiben persönliche Spielberichte.

Polen – Senegal: 1:2

Den 12. Juni 2008 wird Lewandowski nie vergessen. Wien, Europameisterschaft, Österreich gegen Polen. 93. Minute, Spielstand 0:1. Tröstend legt Lewandowski Prödl im Strafraum die Hand auf die Schulter. Schiedsrichter Howard Webb pfeift Elfmeter. Ausgleich. Nicht Österreich, Polen ist raus.

Zehn Jahre später darf man straffrei zerren, catchen, niederringen – sogar, wie der Senegal beweisen wird, Spieler des eigenen Teams. Robert Lewandowski ergraute inzwischen beim permanent erfolglosen FC Bayern München. Er will dort weg und endlich zu einem Weltverein. Nun aber, zur WM, glänzt Lewandowskis Schopf frisch geschwärzt. So prangt Fußballpolens Staatsoberhaupt auch auf der neuen 6-Złoty-Briefmarke. Fehlt bloß noch ein Sieg im Auftaktspiel gegen den Senegal.

Der unsichtbare Lewandowski

44.000 Besucher füllen das Moskauer Spartak-Stadion. Natürlich dominieren Spartaks Farben Rot und Weiß. Wird es Senegals Grünen ergehen wie den anderen vier Nationen Afrikas, die alle ihr erstes Match verloren haben? Deutlich entsinnt man sich jener Senegalesen, die bei der WM 2002 Weltmeister Frankreich schlugen und bis ins Viertelfinale stürmten: tänzerische Hünen, technisch perfekt. Ihr Kapitän Aliou Cissé ist heute Cheftrainer, sein polnischer Kollege Adam Nawalka hat Sorgen. Sein Abwehrrecke Kamil Glick hat sich im Training bei einem Fallrückzieher die Schulter ruiniert. Aber Jakub Błaszczykowski macht heute sein hundertstes Länderspiel, da erwartet man vom Jubilar eine Leistungsexplosion.

Zäher Beginn. Keine Chancen. Nach zwölf Minuten foult Grzegorz Krychowiak Senegals Star Sadio Mané und sieht Gelb. Der Freistoß geht weit links vorbei. Bald danach köpft Kamil Grosicki über das Tor. Lewandowski und Sturmpartner Arkadiusz Milik bleiben nahezu unsichtbar. Senegal baut vor dem eigenen Tor eine westafrikanische Gummiwand. Das Zentrum beräumt der 1,95-Meter-Mann Kalidou Koulibaly. Ballsicher, wenngleich schussschwach kontern die "Löwen von Teranga".

Düpiert im falschen Eck

Polen hilft ihnen in der 37. Minute. Links versetzt M’Baye Niang den schwachen Lukasz Piszczek und passt in die Mitte zu Mané. Der bedient Idrissa Gueye. Dessen verzogenes Schüsschen befördert Thiago Cionek ins eigene Netz. Polens Keeper Wojciech Szczesny liegt düpiert im falschen Eck.

Pause.

Für Błaszczykowski kommt, wegen malader Wade, Jan Bednarek. Jetzt ruckt Polen an. Lewandowski erobert im Mittelfeld den Ball, rast los, wird gefällt von Salif Sané. Gelb. Lewandowskis Freistoß boxt Senegals famoser Keeper Khadim N’Diaye aus dem Dreiangel. Dann knallt Piszczek drüber. Wieder und wieder rennen die Polen gegen die senegalesische Schrankwand.

Senegal hat Glück und Geschick

Da beginnt die 60. Minute. Senegals verletzter Sprinter Niang wird am Feldrand gepflegt. Senegal kontert, Niang gesundet rasant und erläuft einen halsbrecherischen Rückpass von Krychowiak. Polens Keeper saust ihm entgegen, denkt jedoch an seinen Platzverweis bei der EM 2012 und foult nicht. Niang schiebt gelassen ein.

Die Entscheidung? Polen drängt mit Macht, wenngleich vorhersehbar: durch die Mitte, meistens eingeleitet durch Krychowiak. Milik zielt hart neben den Pfosten, Dawid Kownackis Kopfball wird gehalten. Kurz vor Ultimo löffelt Grosicki einen Freistoß in Senegals Strafraum. Ausgerechnet der Unglücksrabe Krychowiak köpft ins lange Eck und darf jubeln. 1:2! Vier Minuten Nachspielzeit! Senegal verteidigt sein Glück mit Geschick.

So kommt Polen nicht weiter. Sein Superstar droht wieder zu ergrauen. 2008, bei der EM in Österreich, trug Lewandowski Glatze. Allerdings hieß der damalige Elfmetersünder von Wien nicht Robert, sondern Mariusz Lewandowski.