32 Mannschaften treten bei der Fußballweltmeisterschaft an. Für jede hat eine Redakteurin oder ein Autor von ZEIT ONLINE oder DIE ZEIT die Patenschaft übernommen. Unsere WM-Paten begleiten ihr Team durchs Turnier und schreiben persönliche Spielberichte.

Portugal - Marokko 1:0

Als das 1:0 für Portugal fällt, bestellt die Wahrsagerin gerade einen Galão. Der Galão ist für mich und das Tor ist von Cristiano Ronaldo. In der vierten Minute kommt er mit dem Kopf in den marokkanischen Strafraum reingeschossen wie ein Hammerhai. Drin, Tor, obrigado. Moment, was ist passiert?

Die Wahrsagerin heißt Joana, trägt keine wallenden Gewänder, sondern Pferdeschwanz und ein weißes Portugal-Trikot mit der Nummer 10. Und sie hat keine Glaskugel, sondern braucht nur den freien Blick auf den Bildschirm, um vorherzusagen, wie es Portugal heute ergehen wird. Nur das 1:0 hatte sie nicht auf dem Schirm, weil da musste sie ja gerade für mich, den Paten ihres Herzensteams, einen Galão bestellen. Der übrigens definitiv ein Galão ist und kein Bier.

Wir sitzen in der portugiesischen Enklave Berlins, im Café Lisboa in der Goethestraße. Hierher kommt das ZDF regelmäßig für Niederlagen Portugals gegen Deutschland vorbei, wenn es Tränen sehen will, zuletzt beim 0:4 bei der WM 2014. Aber an diesem Mittwochnachmittag weint niemand, es wird nur gemeckert. Das Café ist ein Knäuel aus roten Trikots, roten Markisen, roten Stühlen, auf denen Herren mittleren Alters Zigaretten rauchend sitzen, und Tischen, auf denen vor ihnen Super Bock im Plastikbecher steht und vielleicht ein Tosta Mista, das berühmte Schinken-Käse-Toast.

Mitten im Knäuel sitzt Joana und sagt die Zukunft voraus. Sie weiß schon einige Minuten vor Portugals Trainer Fernando Santos, wen er auswechseln wird (Gelson Martins für Bernardo Silva in der 59. und Gelson Fernandes für João Mário in der 70.). Sie prognostiziert die Gelben Karten (Medhi Benatia in der 40. und Adrien Silva in der 92.), sie sieht die Räume, die die Portugiesen offen lassen, ehe sie die Lücken schließen. Sie ist, das merke ich mit jeder Minute, die wahre Portugalpatin. Also halte ich die Klappe, sitze daneben und schreibe mit, was sie zu sagen hat.

Joana ist Mitte 20, hat 15 Jahre Fußball gespielt und kommt seit Ewigkeiten ins Café Lisboa. Sie kennt nicht nur jeden portugiesischen Nationalspieler mit Vor- und Nachnamen, sondern auch alle Damen und Herren, die hier versammelt sitzen. Es ist 14 Uhr an einem Mittwoch, die wohl denkbar schlechteste Zeit für ein Fußballspiel, aber ich hatte Glück, dass ich noch einen freien Stuhl gefunden habe. 

85 lange Minuten

Nachdem die Portugiesen am Freitag ein 3:3-Unentschieden gegen Spanien erspielten, das sich anfühlte wie ein Sieg, und die Marokkaner nicht mal gegen den Iran ankamen, erwartet das Publikum einen hohen Sieg. Die Stimmung ist wie vor dem deutschen WM-Auftakt gegen Mexiko: Das wird ja wohl ein sicheres Ding. Am Ende wird es ein 1:0 für Portugal. Und das nur, weil Ronaldo in der vierten Minute weiß, wo ihm der Kopf steht, nämlich genau an der richtigen Stelle. Und dann? Tja. Dann sind noch 85 Minuten zu spielen und die werden lang.

Das liegt nicht an den Marokkanern. Die machen früh Druck und sehen es nicht ein, sich von einem Flugkopfball nach Hause köpfen zu lassen. Ab der 12. Minute muss Rui Patrício zeigen, dass er seine Handschuhe richtig herum angezogen hat. Sie schießen mit großer Leidenschaft den Ball immer wieder übers Tor, von Weitem, von Nahem, mal weit drüber, mal flach, auch links und rechts treffen sie sehr souverän die Zuschauerränge oder Rui Patrício.

Die Portugiesen machen es den Marokkanern nicht schwer: "Die stehen viel zu eng", beklagt sich Joana und erklärt mir, warum die Marokkaner so oft mit Ball vor dem portugiesischen Tor landen: Die Portugiesen decken nicht zwischen Tor und Gegner, sondern zwischen Gegner und Ball. Wenn der Ball dann über den Portugiesen gespielt wird, hat der Gegner Platz: Dann ist nur noch Patrício da. Das ist aber auch egal, weil die Marokkaner mit einer Liebenswürdigkeit ihre Chancen verbaseln, die sogar mich als Gegnerpate manchmal aufstöhnen lassen.