32 Mannschaften treten bei der Fußballweltmeisterschaft an. Für jede hat eine Redakteurin oder ein Autor von ZEIT ONLINE oder DIE ZEIT die Patenschaft übernommen. Unsere WM-Paten begleiten ihr Team durchs Turnier und schreiben persönliche Spielberichte.

Serbien - Schweiz 1:2

Deutschland verfällt vor dem Turnier in die große Wer-ist-mein-Präsident-Hysterie, die Schweiz nach dem grandios erkämpften Sieg gegen Serbien in eine strunzdoofe Adler-Torjubel-Diskussion.

Aber der Reihe nach. Das Spiel in Kaliningrad beginnt für die Schweiz schlecht, sehr schlecht. Bereits in der sechsten Minute verliert Steven Zuber auf der Höhe des eigenen Strafraums den Ball, Dušan Tadić schlägt eine Flanke in die Mitte. Dort schraubt sich Aleksandar Mitrović in die Höhe,  sein Gegenspieler Fabian Schär springt ins Nirgendwo. Kopfball, Tor.

Und es wird nicht besser. Im Gegenteil. Mal für mal schlagen die Serben ihre hohen Bälle rein, mal für mal reagiert die Schweizer Abwehr konfus. Mal für mal verlieren sie die Zweikämpfe. Und mal für mal vergeben sie ihre Chancen. Es fehlt die Effizienz.

Zum Stellvertreterduell hochgeschrieben

Ich erinnere mich an meine Frage aus dem ersten Spiel gegen Brasilien: Darf man als WM-Pate bei ZEIT ONLINE gegen das eigene Team wetten? Mein Vorgänger hat dazu eine klare Meinung: "Du bist ein Verräter!", schrieb er mir nach dem Match. Ich greife zu meinem Handy und formuliere schon mal meine frotzelnde Antwort: "Siehst du, was passiert, wenn ich auf die Nati setze?"

Es fehlen den Schweizern nicht nur die Präzision im Abschluss, sondern auch die Emotionen. Dabei wurde das Spiel im Vorfeld zum Stellvertreterduell hochgeschrieben. Nicht die Schweiz spiele an diesem Freitagabend gegen Serbien, behaupteten nationalistische Betonköpfe in Belgrad, Pristina und Tirana: Sondern Albanien und der Kosovo. Weil in der Nati viele Shipis spielen.

Dann ist die WM gelaufen

Der Schweizer Coach Vladimir Petković, selber ein eingebürgerter Balkan-Boy, sorry, Gentleman, ignorierte das Thema konsequent. Lieber sprach er über das Wetter. Er weiß, wie viel Unheil der verpolitisierte Fußball über Jugoslawien brachte. Die Balkankriege nahmen ihren Anfang auch im Fußballstadion von Zagreb, als im Mai 1990 Hooligans von Dynamo Zagreb und Roter Stern Belgrad aufeinander einprügelten. Ein Jahr darauf brach der Staat auseinander. Also schwieg Petković – und mit ihm seine Spieler.

Aber zurück nach Kaliningrad. Zweite Halbzeit. Nun sind die Schweizer präsent, willig, aggressiv. In der Garderobe wurde ihnen bewusst: Spielen wir weiter wie bisher, ist für uns die WM gelaufen.

Keine spontane Geste

52. Minute, ein Wumms von Granit Xhaka. Goal! Der Ausgleich. Aber Xhaka zeigt den gellend pfeifenden serbischen und russischen Fans nicht den Mittelfinger, sondern den albanischen Doppeladler. Es ist keine spontane Geste, Xhaka hat sie geplant. Sein Vater saß Ende der Achtzigerjahre im Kosovo im Gefängnis, weil er an Studentendemos teilgenommen hatte. Als er freikam, floh er mit seiner Familie in die Schweiz. Der Kommentator des Schweizer Fernsehens kriegt sich fast nicht mehr ein: "In einem Wort: Das ist dumm und dämlich."

90. Minute, ein Sololauf von Xherdan Shaqiri. Verfolgt von Dusko Tosić spitzelt er den Ball rein. Goal! Und auch Shaqiri, nach der Pause ebenso spielstark wie spiellustig, zeigt den Adler. Jetzt dreht der Fernsehmann endgültig ab.

Den Schweizern reicht nun ein Unentschieden gegen Costa Rica, um in das Achtelfinale vorzustoßen. Aber davon ist nach dem Abpfiff kaum die Rede. Ebensowenig von der Szene im Schweizer Strafraum, als gleich zwei Verteidiger den serbischen Stürmer niederrangen und der Schiedsrichter trotzdem keinen Penalty pfiff. Eine Fehlentscheidung.

Es geht nurmehr um den Adlerjubel. Um die gekränkten helvetischen Kleinkrämerseelen, die nicht ertragen, dass in der durchtrainierten Brust eines Profifußballers für mehr Platz ist als lediglich ein pumpendes Herz mit Schweizer Kreuz.

Sportsfreunde und Hobbyornithologen, da passt eine ganze Volière rein. Merkt euch das!

Hopp Shvic!