32 Mannschaften treten bei der Fußballweltmeisterschaft an. Für jede hat eine Redakteurin oder ein Autor von ZEIT ONLINE oder DIE ZEIT die Patenschaft übernommen. Unsere WM-Paten begleiten ihr Team durchs Turnier und schreiben persönliche Spielberichte.

Uruguay – Saudi-Arabien 1:0

José Mujica. Als ich gefragt wurde, ob ich Uruguay für einen Spieltag als WM-Pate adoptieren möchte, fiel mir dieser Name als Erstes ein. Mujica ist kein umstrittener Starstürmer, kein filigraner Flügelspieler, nein, auch kein brachialer Innenverteidiger, der vor den Spielen mit Tierblut duscht. Mujica ist Blumenzüchter und war fünf Jahre lang Präsident von Uruguay. Um den Bedürftigen zu helfen, spendete er 85 Prozent seines Präsidentengehaltes. Mujica sieht übrigens auch aus, wie hilfsbereite Opas eben aussehen: Schnurrbart, welliges graues Haar, schmutzige Arbeitskluft. Wie könnte man so einem Präsidenten die Gefolgschaft verweigern?

Ich will ehrlich sein: So wie beschrieben, verlief das alles nicht. Sie, werte Leserinnen und Leser, müssen sich die Adaption der uruguayischen Fußballnationalmannschaft vorstellen wie einen abendlichen Besuch in einer übervollen Kneipe. Jeder Tisch ist besetzt, man muss sich irgendwo ranquetschen. In der Generation Smartphone für viele eine schauderhafte Vorstellung. Das nächste Problem: Es ist überhaupt nur ein Platz frei. Und der befindet sich direkt neben einem gemeingefährlich aussehenden Mann, den Sie sofort unsympathisch finden.

Suárez zerstörte Fußballgeschichte

Dieser Unsympath mit dem Messer zwischen den Zähnen ist Uruguays Luis Suárez. Der Stürmer des FC Barcelona hat bereits mehrmals zugeschnappt, im wörtlichen Sinne. Zuletzt traf es Italiens Abwehrass Giorgio Chiellini bei der Weltmeisterschaft 2014: Die Spuren an Chiellinis Schulter waren so deutlich, dass Kieferorthopäden aus dem Bissabdruck eine Zahnspange hätten anfertigen können. Geht es gegen Suárez, prüfen seine Gegenspieler nicht mehr, ob das Parfüm gut riecht oder die Haare sitzen, sondern ob ihre Tetanus-Impfungen aktuell sind.

Noch fataler als seine Fleischeslust war aber Suarez' Handspiel bei der Weltmeisterschaft 2010. Den siegbringenden Kopfball der Ghanaer wehrte er mit der Hand auf der Torlinie ab. Wie ein Volleyballer hatte er dabei ausgesehen. Es wäre Ghanas Tor ins Halbfinale gewesen, afrikanische Fußballgeschichte. Suárez hatte was dagegen. Die Afrikaner verschossen in der letzten Minute der Verlängerung den fälligen Strafstoß, später noch weitere im Elfmeterschießen und schieden aus.

Was also in diesem Jahr, womit könnte Suarez dieses Mal negativ auffallen?

Uruguay ist nicht nur Suárez

Die Antwort darauf ist von erheblicher Bedeutung. Denn was der Schützling treibt, fällt ja irgendwann auf den Paten zurück. Suárez, das ist der Typ Mensch, dem man ja eigentlich das Handtuch und den Feinripp-Herrenslip klauen möchte, während er sich in einem Badesee abkühlt. Bei dem man hofft, dass sein kultiger Trainer Oscár Tabárez seine Gehhilfe (die braucht er wegen eines Nervenleidens) nimmt, um dem Jungen mal ein bisschen Sportsgeist einzubläuen.

Aber nun gut. Uruguay ist ja nicht nur Suárez, sondern auch Präsident Mujica und Fußballgott Diego Forlán. Und Uruguay ist eine Mannschaft, die etwas reißen kann, die Spiele auch unschön gewinnt, wenn es der Siegeswille verlangt. Und was ist schon Fair Play und Moral, wenn es um den Instinkt eines Sportfans geht, jedes Spiel auf dem Sofa gewinnen zu wollen? Richtig: nicht viel. Vamos, Uruguay!

Mit Glück gegen die Saudis

Gegen Saudi-Arabien haben die Urus wieder geliefert, zumindest das Ergebnis (viel mehr habe ich vor lauter Überlegen gar nicht gesehen). Wie schon beim Auftakterfolg gegen Ägypten mit 1:0 – wieder half eine Standardsituation. Ecke, Torwartfehler, Tor. Dieses Mal stand, natürlich, Suárez richtig. Also alles perfekt bei den Urus?

Nein. Die Südamerikaner spielten nicht verbissen engagiert, sondern handzahm. In der ersten Halbzeit war Saudi-Arabien sogar überlegen, hatte mehr Chancen. Das muss man erst mal schaffen: Gegen die Saudis im Glück sein. Doch auch gegen die starken Russen würde es nicht verwundern, wenn Uruguay wieder irgendwie gewinnt, zum Beispiel durch ein Traumtor von Suárez. Die schießt er häufiger.

Dass man Suárez übrigens auch als guter Mensch, als guter Pate gut finden kann, beweist Präsidente Mujica höchstpersönlich. 2014 holte er Suárez nach dessen WM-Ausschluss in Montevideo vom Flughafen ab. Die Fifa bezeichnete er damals wegen der – seiner Meinung nach – überzogenen Bestrafung ziemlich harsch als "Haufen H*****".

Vamos, Uruguay!