Man muss an Brasilien vieles hemmungslos abfeiern. Am meisten die Liebe der Brasilianer zu ihrer schönen Sprache. Sprache formt Bewusstsein, keiner weiß das besser. Auch der Fußball ist betroffen. Entscheidend für den WM-Titel 2018 sind die Wörter Maracanaçao und Mineriaçao. Wo der Deutsche an Kokossaft mit Rum denkt, schießen dem Brasilianer Tränen in die Augen. Maracanaçao beschreibt die 1:2-Finalniederlage gegen Uruguay 1950 im Maracanã. Jahrzehntelang verletzte kein Wort einen Brasilianer mehr. Bis die Deutschen sieben Tore gegen Brasilien im Mineirâo von Belo Horizonte versenkten. Wieder Heim-WM, wieder eine Niederlage, die mehr war; ein Raubüberfall auf ihren Sport. Mineraçao.

Tiefer Fall, triumphale Rückkehr: Brasiliens Fußball ist etwas für Freunde des griechischen Dramas. Sie sind dann am besten, wenn sie etwas wiedergutzumachen haben. 1958 und 1962 wurden sie Weltmeister, verzaubert vom jungen Pelé. 2002 holten sie den Titel, nachdem sie sich vier Jahre zuvor mit 0:3 gegen Frankreich im Finale blamierten. Nun macht der neue Trainer Tite das, was jeder Nationaltrainer des Landes tun sollte: Er lässt den Stürmern um Neymar ihren Auslauf. Die Defensive halten Casemiro und Thiago zusammen, der die vielleicht einzige Schwachstelle im Team ist. Und einige von 2014 sind auch noch dabei, damit der Schmerz von Belo Horizonte weiterlebt. (Fabian Scheler, Sportredakteur)

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Spanien hat einen Plan, noch dazu einen sehr guten. So gut wie alle Teams in Spaniens erster Liga folgen der gleichen Idee: dem Spiel mit dem Ball, also immer freilaufen, immer anbieten, den Ball gemeinsam nach vorne "tragen". So gut wie jeder weiß in so gut wie jeder Situation, was zu tun ist, und was der andere macht. Weil sie es täglich üben, von Kind an nichts anderes kennen. Deutschland zum Beispiel hat keine solch klare Identität. Zwar fehlt Spaniens Mannschaft fast schon traditionell ein wenig Tempo, auch hat sie keinen richtigen Plan B. Doch hat sie Schöngeister wie Iniesta, Silva, Isco und Asensio in ihren Reihen, denen man einfach nur stundenlang beim Kicken zusehen möchte. Dazu noch den echten Schurken Ramos. Gewinnen können die Spanier inzwischen auch, man schaue sich nur die drei Titel von 2008 bis 2012 oder das 6:1 im Testspiel gegen Argentinien im März an. Im Vereinsfußball holen sie sowieso fast jeden internationalen Cup. Rein sportlich gesehen ist es das harmonischste Kollektiv dieses Turniers. Okay, den Trainer einen Tag vor dem WM-Start rauszuwerfen – das kann einen schon zum Nachdenken bringen. Eine solche Aktion hätte man vielleicht einem Entwicklungsland zugetraut. Doch man soll ja, auch beim Tippen, am ersten Gedanken festhalten. (Oliver Fritsch, Sportredakteur)

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Die meisten Experten prognostizieren Frankreich. Das hat den besten Kader des Turniers, aber die Nation der Gourmets könnte auch in diesem Jahr an einer Binsenweisheit scheitern: Zu viele Köche verderben den Brei. Frankreichs Aufgebot ist so elitär, dass viele Stars auf die Bank müssen. Der drohende Lagerkoller hat der stolzen Nation schon oft das Fest verdorben.

Weltmeister wird der andere große Favorit, der nicht Deutschland oder Frankreich heißt: Brasilien. Vier Jahre nach der Halbfinal-Blamage von Belo Horizonte wirken die Brasilianer bereit für die Revanche.  Der Trainer Tite hat ein ähnliches Erfolgsrezept wie Joachim Löw: Hauptsache ausgewogen. In Brasiliens Startelf stehen nicht nur Ballakrobaten, sondern auch echte Abräumer wie Casemiro oder Paulinho. Die Superstars um Neymar, Coutinho und Marcelo trainieren gemeinsam mit dem Innenverteidiger Pedro Geromel, dem ehemaligen Kölner, der sportlich als mittelmäßig gilt, aber ein echter Teamplayer ist. Tite, lange Vereinstrainer beim brasilianischen Kultclub Corinthians, hat sein Team aufgestellt wie eine Vereinsmannschaft. Das kann nur klappen, mit den Corinthians holte er einst die Club-WM. (Hannes Hilbrecht, WM-Redakteur)