ZEIT ONLINE: Herr Götz, Herr Ebert, Sie stellen die Hypothese auf: Wenn die eigene Mannschaft gewinnt, steigt, wenn auch nur kurzfristig, das Wohlbefinden von ihren Fans. Küchenpsychologen wären nicht überrascht. Was soll daran spannend sein?

Friedrich Götz: Es geht uns ja nicht primär darum, ob das Wohlbefinden beim Erfolg der eigenen Mannschaft steigt, sondern auf welche Weise dies geschieht. Wir versuchen, ein besseres Verständnis von den psychologischen Prozessen zu erlangen, die erstens dem emotionalen Erleben von Spielen unserer Nationalmannschaft und zweitens ganz generell der Dynamik unseres Wohlbefindens zugrunde liegen. Außerdem müssen wir als Forscher testen, inwiefern so allgemeine küchenpsychologische Annahmen der Forschung auch tatsächlich standhalten.

ZEIT ONLINE: Während der WM in Brasilien haben Sie auch schon eine Studie durchgeführt. Woran knüpfen Sie jetzt an?

Tobias Ebert: Vor vier Jahren konnten wir nur die drei Vorrundenspiele der deutschen Mannschaft gegen Portugal, Ghana und die USA betrachten. Die Ergebnisse der deutschen Mannschaft hatten signifikante, starke Effekte auf das Wohlbefinden der Zuschauer, insbesondere nach dem hohen Auftaktsieg gegen die als stärkste Gruppengegner eingeschätzten Portugiesen. Aber wir sahen auch, dass die Effekte bereits Stunden später abgeschwächt sind.

Bei unserer Studie während der WM in Russland schauen wir jetzt zum ersten Mal die Veränderung über den Spiel- und gesamten Turnierverlauf an. Per Smartphone-App werden wir die Teilnehmer je 15 Minuten vor dem Spiel, in der Halbzeitpause und kurz nach dem Spiel befragen. Ab der K.-o.-Runde befragen wir die Probanden auch noch vor möglichen Verlängerungen und vor dem Elfmeterschießen. Wie erregt ist man? Wie müde? Ist das momentane Gefühl positiv oder negativ? Jedes Mal wird das kurz auf einer Skala abgefragt. Eine Studie, die solche Schwankungen während des Spiels untersucht, hat es noch nicht gegeben.

ZEIT ONLINE: Interessieren Sie sich nur für Fans des DFB? Oder auch dafür, wie es Fußballhassern oder Antideutschen geht?

Götz: Die Teilnahme von Nicht-Fans an unserer Studie ist sogar besonders wichtig, damit wir vergleichen können. Allerdings fokussieren wir uns auf den Unterschied zwischen Fans und Nicht-Fans. Antipathien und Hass werden nicht erhoben.

ZEIT ONLINE: Was weiß die Forschung bisher über den Zusammenhang von Fanerfolg von Wohlbefinden?

Ebert: Die psychologische Forschung an diesem Thema steht noch am Anfang, aber einige interessante und teils widersprüchliche Befunde gibt es schon aus anderen Feldern. Medizinische Teams haben herausgefunden, dass während der WM 1998, die Frankreich daheim gewann, weniger Herzinfarkte auftraten. Allerdings stieg während der WM 2006 in München das Risiko von Herzinfarkten an, obwohl es für die deutsche Mannschaft ja ganz gut lief. In den Finanzwissenschaften hat sich außerdem gezeigt, dass Fußballergebnisse spürbare Effekte auf das Kaufverhalten am Aktienmarkt haben. Bei einer 20 Jahre dauernden Längsschnittstudie in den USA ist sogar aufgefallen, dass beim Erreichen der Play-offs durch die örtlichen Sportmannschaften die Mord- und Suizidraten zurückgehen.

ZEIT ONLINE: Gewinnt mein Team, geht es mir also oft besser. Wie verhält sich das bei Niederlagen?

Götz: Das ist eine interessante Frage. In der Sache fehlen uns bisher die Daten. Bei der WM 2014 hat die deutsche Mannschaft ja kein Spiel verloren. Allerdings konnten wir sehen, dass das Wohlbefinden der Teilnehmer nach dem 2:2 gegen Ghana schon etwas abnahm. Die beiden deutschen Forscher in unserem Team treibt diese Lage jetzt in einen persönlichen Zwiespalt: Als Fans möchten wir unbedingt, dass die DFB-Elf ohne Niederlage durchs Turnier kommt, aber als Wissenschaftler wäre es extrem spannend, zu schauen, wie sich Misserfolge auf die Gefühlslage der Zuschauer auswirken.

ZEIT ONLINE: Wie groß muss so eine Stichprobe sein, damit Sie robuste Aussagen treffen können?

Ebert: Vor vier Jahren hatten wir 250 Leute beisammen, und so viele sollten es schon werden. Aber diesmal würden wir den Wert gerne übertreffen. Je größer unsere Stichprobe, desto kräftiger können unsere Interpretationen der Daten werden.

ZEIT ONLINE: Wo kann man sich anmelden?

Götz: Wer mitmachen möchte und ein Android-Betriebssystem hat, kann sich hier bis spätestens 15. Juni registrieren. Dabei werden keine direkt personenbezogenen Daten erhoben und die Teilnahme ist anonym, alle Daten werden verschlüsselt gesendet und auf einem universitären Webserver abgelegt.

ZEIT ONLINE: Gibt es Gründe, anzunehmen, dass die Ergebnisse in anderen Ländern unterschiedlich ausfallen würden?

Ebert: Ganz allgemein glauben wir nicht, dass es sich bei den beobachteten Zusammenhängen um einen deutschlandspezifischen Effekt handelt. Allerdings könnte die Erwartungshaltung eine Rolle spielen: Deutschland versteht sich jedes Mal als Titelanwärter, das Enttäuschungspotenzial ist sicherlich größer. In Russland werden wir erstmals auch Spiele ohne deutsche Beteiligung untersuchen. Bei der die EM 2020 planen wir dann Kooperationen mit Forschergruppen aus mehreren Ländern, um dann eine richtige internationale Vergleichsstudie durchzuführen.

Bis zum 15. Juni können sich Probanden registrieren lassen. Man muss die App installieren, alle weiteren Benachrichtigungen kommen dann automatisch. In einer Willkommens-E-Mail stehen alle weiteren Informationen zur Forschungs-App.