In der Szene des Spiels ruderte Joachim Löw erregt mit dem Arm, als wollte er seine Mannen nach vorne treiben. Doch die Geste galt dem Publikum. Das pfiff und pfiff auf İlkay Gündoğan, der neben ihm stand und den er aufs Spielfeld schickte. Löw forderte dagegen Unterstützung für seinen Spieler.

Selten blieben die Anordnungen des Bundestrainers so folgenlos. Auch bei jeder folgenden Aktion Gündoğans ertönte das große Pfeifen. Manchmal selbst dann, wenn der Ball bloß auf dem Weg zu ihm schien. Man hätte gerne erfahren, was passiert wäre, wenn er ein Tor geschossen hätte. Es war ganz knapp. Viele haben ihm nicht verziehen, dass er sich gemeinsam mit Mesut Özil mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan ablichten ließ.

Das letzte Testspiel der deutschen Elf vor einem großen Turnier ist traditionell ein Gute-Laune-Spiel. Auch das Publikum in Leverkusen wollte ihr eine schöne Reise und viel Glück wünschen. Viele Frauen und Kinder waren da, und jeder Schuss, jede offensive Aktion wurde beklatscht und bekreischt. Selbst als Manuel Neuer einen harmlosen Fernschuss hielt, den wohl jeder andere im Stadion auch pariert hätte.

Alles war gut und heiter, bis zur 57. Minute. Bis Gündoğan da stand.

Auf dem Platz merkte man Gündoğan an, dass ihm der Missmut der Menschen etwas ausmacht. So unbeholfen wirkte er am Ball noch nie und mit jeder Minute wurde er unsicherer. Er schien geradezu gebückt zu laufen. Dann der Tiefpunkt: Als er gefoult wurde, jubelten manche und der Schiri zeigte wohl aus Solidarität mit ihm seinem Gegenspieler die Gelbe Karte, die einzige im Spiel. Der Abpfiff war eine Erlösung, bei der kleinen Ehrenrunde ging Gündoğan als Letzter.

Nicht das ganze Stadion war an den Pfiffen beteiligt, aber es waren auch nicht nur vereinzelte. Der Rest des Publikums erstarrte, die Väter und ihre Kids mit der schwarz-rot-goldenen Schminke wunderten sich. Selbst Mexiko, der ewige Schlachtsong der deutschen Fans von den Böhsen Onkelz, ging unter.

Medienschelte von Bierhoff

Nach dem Spiel sagte Mats Hummels, er verstehe, dass die Leute es nicht gut fänden, was seine beiden Mitspieler gemacht hätten. "Doch sie haben beide über Jahre viel für unsere Mannschaft getan, und es war doch nur eine einzige falsche Aktion. Es muss doch auch irgendwann mal gut sein." Manuel Neuer sagte Ähnliches. Doch das ist Wunschdenken.

Das musste auch der DFB feststellen, der das Problem schon im Trainingslager in Südtirol am liebsten totschweigen wollte. Vor dem Spiel betrieb Teammanager Oliver Bierhoff im ARD-Interview Medienschelte. Als er auf Özil angesprochen wurde, der sich im Gegensatz zu Gündoğan noch gar nicht öffentlich zum Fall geäußert hat, sagte der Manager erregt: "Ihr beendet das Thema doch nicht! Weil ihr keine anderen Themen habt!"

Offenbar sollen Journalisten nur genehme Fragen stellen. Dass die Debatte jedoch keine konstruierte ist, wie Bierhoff offenbar meint, bewiesen die Pfiffe von Leverkusen. Bierhoff wurde von seinem eigenen Fanclub widerlegt.