Das Erdoğan-Foto belastet und begleitet die Mannschaft bis nach Russland. Über Kritik an ihrer dummen Aktion brauchen sich Gündoğan und Özil tatsächlich nicht beschweren, aber die Reaktionen vieler Fans, auch im Internet, haben in ihrer Härte etwas Unversöhnliches, auch Bigottes. Pfeifen sie eigentlich genauso laut auf die Verbindungen zwischen Bayern München und Katar, Schalke und Gazprom? An diesem Tag kursierten auch Bilder des DFB mit Vertretern Saudi-Arabiens, eines der autoritärsten Systeme der Welt.

Und ob denen, die da aus angeblich politischen Gründen über die beiden Türkischstämmigen pfeifen, bewusst ist, dass in den nächsten Tagen in einem deutschen Gericht die Freilassung Beate Zschäpes gefordert wird? War die Solidarität der Pfeifenden mit dem Journalisten Deniz Yücel, den Erdoğans Justiz grundlos einsperrte, auch nur halb so groß wie ihre Abneigung gegen Özil und Gündoğan?

Die Unerbittlichkeit, die den beiden nun wegen eines Fotos und eines Trikotgeschenks mit Widmung zuteilwird, auch in vielen Leserbriefen und -kommentaren, erweckt jedenfalls den Anschein, als hätten manche nur auf einen solchen Fehler gewartet.

Schlechte Laune machte an diesem Abend auch Sportliches. Die DFB-Elf ließ nach gutem Beginn nach. Mit der 2:0-Halbzeitführung konnten alle noch gut leben. Aber schon vor der Pause und vor allem danach wurde erkennbar, dass kein Mannschaftsteil zuverlässig auf hohem Niveau funktioniert. 

Der Sturm wurde fehlpassreicher und chancenärmer, war sogar auf ein Eigentor angewiesen. Das Mittelfeld versuchte es vor allem mit vielen langen Bällen und ließ sich selbst oft überspielen. Und die Abwehr geriet gegen die technisch erstaunlich guten Saudis immer wieder in Not. 

Fast fiel noch der blamable Ausgleich

Der Gegner, der am Donnerstag in Moskau gegen Russland das WM-Eröffnungsspiel bestreiten wird, war anfangs nur in der Defensive. Doch er spürte die deutsche Schwäche, und als der Verteidiger Mansur al-Harbi Thomas Müller tunnelte, war dies das Signal, mutiger anzugreifen. Sodann sah man immer wieder deutsche Stürmer im Strafraum oder an der Eckfahne verteidigen.

Am Ende verlegte sich der Weltmeister gegen Saudi-Arabien aufs Kontern. Das Spiel war in der Schlussphase so offen, dass sogar der Schiri zweimal in den Mittelpunkt rückte. Die Deutschen beklagten einen Regelverstoß beim Nachschuss des Elfmetertors, die Saudis wollten einen zweiten Strafstoß. Fast fiel in der Nachspielzeit der blamable Ausgleich, er hätte die ohnehin magere Stimmung noch verdüstert.

Der Leistungsabfall bereitete den Spielern Sorgen. "Kaum zu erklären", sagte Hummels. Doch auch nach dem Spiel kam die Rede immer wieder auf Gündoğan. "Er hat sich der Presse gestellt, er hat gesagt, es war kein politisches Statement", sagte Joachim Löw. "Ich frage mich, was İlkay noch tun soll."

Die deutsche Elf und ihr Trainer hinterließen vor der Abreise nach Russland, wo die Titelverteidigung gelingen soll, einen leicht ratlosen Eindruck.