Tina Nobis ist Juniorprofessorin für Sport, Integration und Migration am Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) und am Institut für Sportwissenschaft der Humboldt Universität. Özgür Özvatan ist Doktorand und Fellow am BIM und beim europaweiten Centre for Analysis of the Radical Right. Zusammen mit Stefan Metzger wird er bald die Studie "Games of Belonging" veröffentlichen, die die deutsche und türkische Identitätssuche vergleicht. Er hat außerdem untersucht, wie Mesut Özil zwischen 2005 und 2015 in deutschen und türkischen Medien beschrieben wurde.

ZEIT ONLINE: Frau Nobis, Herr Özvatan, Teile des Fußball-Establishments hacken auf Mesut Özil herum: Lothar Matthäus schrieb nach dem 0:1 gegen Mexiko in der Bild-Zeitung, Özil fühle sich nicht wohl im Trikot. Mario Basler sagte, Özils Körpersprache sei die eines toten Frosches. Läuft da gerade eine Kampagne?

Tina Nobis: Ich habe den Eindruck, dass es schon lange nicht mehr um das Foto mit Recep Tayyip Erdoğan geht. Mesut Özil und İlkay Gündoğan werden mit einer enormen Vehemenz aufgefordert, sich zu Deutschland zu bekennen. Es geht inzwischen vor allem um Zugehörigkeit und Integration. Dabei entfaltet sich ein erheblicher Druck zur Assimilation auf die Spieler.

Özgür Özvatan: Wenn Basler über Özil spricht, aber auch schon vorher, gibt es keinen Faktencheck zwischen seiner tatsächlichen sportlichen Leistung und dem, wie seine Leistung gedeutet wird. Özils Passquote lag gegen Mexiko bei etwa 91 Prozent. Er spielte nahezu alle Pässe in der gegnerischen Hälfte. Darüber hinaus hatte er die dritt- oder viertmeisten Ballkontakte und gewann 50 Prozent seiner Zweikämpfe. Keine schlechte Bilanz für einen offensiven Mittelfeldspieler. Für die beiden steht sehr viel mehr als Fußball auf dem Spiel. Wir nennen das games of belonging, sowohl für die Protagonisten, als auch für die deutsche und die türkische Gesellschaft.

ZEIT ONLINE: Das müssen Sie erklären.

Özvatan: Nicht, weil die Protagonisten es so möchten, sondern weil beide Gesellschaften die Mehrfachzugehörigkeiten dieser Grenzgänger kritisch beäugen und verhandeln. Im Idealfall wird ihre Perspektive darin mit einbezogen. Sie selbst vermeiden Entweder-Oder-Entscheidungen, aber genau das wird von ihnen gefordert. Und das vermehrt, seit sich die AfD-Zustimmungswerte seit Ende 2015 bei über zehn Prozent etabliert haben und die Nationalmannschaft bei der EM 2016 im Halbfinale ausgeschieden ist.

ZEIT ONLINE: Mittlerweile pfeifen die Leute, wenn Özil Tore macht oder sie freuen sich über Fouls an Gündoğan. Leben Migranten und ihre Nachfahren in Deutschland nur auf Bewährung?

Özvatan: Die Fehlertoleranz ist weiter gesunken. Auch weil die AfD sich etabliert. Die verschiedenen Strömungen innerhalb der türkischen Community in Deutschland eint momentan vor allen Dingen eines: Dass sie die Debatte als rassistisch und ausgrenzend wahrnehmen. Gündoğans Auto wurde vor Kurzem beschädigt. Dass dieser Vorfall nicht genauso diskutiert wird wie das Foto mit Erdoğan, ist für die hier lebenden Deutschtürken ein klares Indiz dafür, dass die Maßstäbe, die an sie gelegt werden, andere sind.

Nobis: Die Spieler werden immer wieder aufgefordert, sich zu deutschen Werten zu bekennen. Aber wir leben schon lange in einer differenzierten und pluralisierten Gesellschaft. Was sollen diese deutschen Werte sein? Es scheint fast so, als würden Özil und Gündoğan nur unter bestimmten Bedingungen in Deutschland anerkannt. Gündoğan betont nun, dass er schon immer die deutsche Hymne singt.

ZEIT ONLINE: Müssen Özil und Gündoğan sich deutlicher zu deutschen Grundwerten bekennen als Deutsche ohne Einwanderungsgeschichte? 

Nobis: Es hilft, die Perspektive zu wechseln: Heidi Klum hat zwei Staatsbürgerschaften und lebt in den USA. Wenn sie sagt, sie fühle sich trotzdem immer noch als Deutsche, wird das als etwas Wunderbares wahrgenommen. Bei Gündoğan und Özil wird aber bisweilen in Abrede gestellt, dass sie auch Deutsche sein können, wenn sie sich noch mit der Türkei verbunden fühlen. Man kann das nicht unmittelbar miteinander vergleichen, doch der Fall von Klum regt zum Nachdenken an: Ob gerade Menschen mit türkischem Migrationshintergrund immer wieder unterstellt wird, sie seien nicht integriert? Und über die daran anschließende Frage, ob an sie besondere Ansprüche und Aufforderungen herangetragen werden, die für andere Menschen nicht gelten.

Özvatan: Unsere Untersuchung zeigt, dass Özil, seit seiner Entscheidung von 2009, für Deutschland zu spielen, permanent ein emotionales Bekenntnis zu beiden Ländern wiederholt. Auch Gündoğan macht das, zuletzt 2016 in einem langen Interview mit dem deutsch-türkischen Hürriyet-Reporter Ali Varlı. Die banale Erkenntnis ist, dass sich beide vor der WM mit den Präsidenten ihrer beiden Länder getroffen haben. Diese doppelte Identifikation ist millionenfacher Alltag in Deutschland. Als Emre Can, Özil und Gündoğan 2015 zum EM-Qualifikationsspiel nach Schottland flogen, postete Gündoğan ein Foto mit der Zeile: "Die drei Türken der Nationalmannschaft". Da wurde noch anders über sie gesprochen. Jetzt wird eine binäre Kodierung eingefordert. Entweder hier oder dort. Sie haben sich zu einem wie auch immer definierten Deutschsein zu bekennen. Sie sind in Deutschland geboren wie Thomas Müller, aber in den Diskursen wird vermittelt, sie müssen mehr leisten als er. 

ZEIT ONLINE: Trotzdem müssen die beiden sich vorwerfen lassen, sich von Erdoğan im Wahlkampf instrumentalisiert haben zu lassen.

Özvatan: Der politische Diskurs ist wegen der vielen Wahlen in beiden Ländern laufend auf politischen Wettbewerb, auf Profilierung und Polarisierung getrimmt. Relativ neu ist, dass außenpolitische und innenpolitische Abgrenzungen in der globalisierten Welt nicht mehr greifen. Die türkische Community lebt in Deutschland nicht mehr in der Diaspora, sondern sondern in einem transnationalen Feld mit politischen Rechten und Pflichten, hier und dort. Und die AKP hat das Wählerpotenzial in Deutschland für sich erkannt. Auch wenn diese Wählerschaft in der Bundesrepublik überwiegend die SPD wählt, hat sie mehrheitlich sozialkonservative Positionen. Integrationsfragen in Deutschland sind deshalb für die türkische Außen- und Innenpolitik relevant. Die großen Spannungen in Beziehung zwischen der EU und der Türkei, der Diskurs, der seit zwei Jahren läuft, all das entlädt sich nun auf zwei Fußballspieler.

ZEIT ONLINE: Harun Arslan, der Berater der beiden, sagte, er habe die Wirkmacht der Bilder unterschätzt. Gleichzeitig empfindet er die Empörung als Angriff: Es gehe nicht darum, stolz auf Erdoğan oder seine Politik zu sein, sondern darum, dass es sich nicht gehöre, dem Präsidenten des Landes ihrer Vorfahren einen Fotowunsch auszuschlagen.

Özvatan: Das ist ja gerade für Özil relevant. Als er sich 2009 entschloss, für Deutschland zu spielen, galt er in der Türkei und für die türkische Minderheit in Deutschland als Verräter. Seine Website musste damals geschlossen werden. Er muss sich seit 2009 zu beiden Ländern  bekennen. In der Türkei gab er Versöhnungsinterviews und Deutschland half er zum WM-Titel. Gerade für ihn ist es sehr relevant, ob er den türkischen Präsidenten trifft oder nicht. Es geht unter, dass auch Özil und Gündoğan unter politischem Druck stehen. Nur ganz am Rande wurde in Deutschland debattiert, dass sie vielleicht nicht hätten Nein sagen können.