Mario Balotelli lachte viel, auf einmal wurde seine Miene ernst, den Blick richtete er auf den Boden. Er hatte etwas mitzuteilen auf der Präsentation von Demoni, dem neuen Buch des Autors Alessandro Alciato. Es handelt von 13 Persönlichkeiten aus dem italienischen Fußball, die auf dem Weg nach oben in den Kampf mit ihren inneren Dämonen treten mussten. Gewonnen hat Balotelli aber noch lange nicht, vieles steht ihm möglicherweise gerade erst bevor. "In meinem Leben habe ich viel Rassismus und unbegründete Angst vor Fremden miterlebt", sagte der Stürmer. Was er jedoch am wenigsten verstehen könne: "Ich bin in Italien geboren und aufgewachsen, in Afrika bin ich nie gewesen. Italienischer Staatsbürger werden durfte ich aber erst mit 18, das war hart als junger Mensch, die Politik muss ihre Gesetze ändern."

Balotelli kam als Sohn ghanaischer Einwanderer auf Sizilien zur Welt, früh zog er mit seiner Familie in die Provinz Brescia im Norden Italiens, im Alter von drei Jahren gaben ihn seine Eltern an eine Pflegefamilie ab. Meist stand er wegen allerlei Unbeherrschtheiten und Eskapaden im Mittelpunkt, oft auch wegen seines unbestreitbaren Talents. Dass seine Person seit jeher eine politische Rhetorik umgibt, war jedoch in den seltensten Fällen Balotellis Schuld. Das Enfant terrible scheint unter dem neuen BVB-Trainer Lucien Favre in Nizza gereift zu sein und äußert sich neuerdings in dieser Debatte, die das Land spaltet wie lange nicht.

Angesprochen hatte Balotelli das ius soli (Recht des Bodens), also die Staatsbürgerschaft für alle Kinder, die innerhalb der italienischen Grenzen geboren wurden. Eigentlich geht es aber um das große Thema Migration, das von den inzwischen regierenden Populisten während des Wahlkampfs zur Glaubensfrage erklärt wurde. Entsprechend ließ auch die Antwort von Lega-Chef Matteo Salvini nicht lange auf sich warten. "Lieber Mario, das Thema 'ius soli' ist weder für mich von Relevanz noch für die Italiener", schrieb er auf Twitter. "Viel Spaß bei der Arbeit, und zwar der mit dem Ball." Später fügte der neue Innenminister noch hinzu: "Balotelli kann gerne etwas dazu sagen, wenn er in die Politik geht und Premier wird. Bis dahin ist sein Job Tore machen, jeder nach seinen Fähigkeiten." 

Ein Kapitän müsse repräsentativ für das Land sein

Seine Fähigkeiten darf der 27-Jährige nach fast vier Jahren Abstinenz inzwischen wieder in der Squadra Azzurra einbringen, das gefällt in Italien lange nicht jedem. Für den neuen Nationaltrainer Roberto Mancini ist Balotelli hingegen ein Fixpunkt für den Umbruch, der Italien nach der verpassten Qualifikation für die Weltmeisterschaft in Russland bevorsteht. Sie haben eine besondere Beziehung zueinander, schon bei Inter Mailand und Manchester City wusste Mancini die naiven Tollheiten des damals jungen Stürmers souverän zu moderieren. Seither sind einige Jahre vergangen, kürzlich wäre der erste dunkelhäutige Spieler in der Geschichte der Azzurri beinahe auch ihr erster dunkelhäutiger Kapitän geworden.

Die Tradition in Italien sieht es vor, dass der Spieler mit den meisten Länderspieleinsätzen die Binde trägt. Die Senatori um Gianluigi Buffon und Daniele De Rossi haben nach der Blamage in den Play-offs gegen die Schweden ihren Rücktritt erklärt, Verteidiger Leonardo Bonucci drohte verletzungsbedingt auszufallen. Balotelli wäre der nächste in der Hierarchie gewesen, weshalb sich in den sozialen Netzwerken bereits Hasstiraden gegen ihn breitmachten. Das war einige Tage vor dem Wortgefecht um das ius soli, und bereits da hatte Salvini seine Meinung über Balotelli kundgetan: Ein Kapitän müsse repräsentativ für das Land sein und dürfe vom Trainer nicht nach "soziologischen, philosophischen oder anthropologischen Motiven" ausgewählt werden, sagte der Rechtspolitiker. Es sei zwar egal, ob dieser dann "weiß, gelb oder grün" ist. "Balotelli hat in den letzten Jahren aber gezeigt, dass ihm die Bescheidenheit fehlt, um die Unterstützung der Italiener zu erhalten." Maurizio Martina von der Partito Democratico war da anderer Ansicht: "Wir brauchen eine Stimme wie seine, um auf Missstände und Herausforderungen aufmerksam zu machen."

Am Ende spielte Bonucci bei der 1:3-Testspielniederlage gegen Frankreich zwar doch, Balotelli reagierte nach der Partie aber genauso besonnen wie bestimmt auf die Politisierung seiner Person. "Ein Vorbild muss nicht unbedingt die Binde tragen, aber es wäre ein wichtiges Signal für alle Migranten in Italien gewesen, jemanden mit afrikanischen Wurzeln als Kapitän zu sehen", sagte er. "Italien ist leider anders als Länder wie England oder Frankreich, in denen so was einfach normal ist."