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Japan – Senegal 2:2

Es ist eine der wichtigsten und gleichzeitig die undankbarste Position auf dem Fußballplatz. Innenverteidiger. Ein sperriges Wort für einen meist sperrigen Spielertypen. Selten werden Innenverteidiger nach einem Sieg gelobt, dafür oft für Niederlagen verantwortlich gemacht. Positionsbedingt sind sie in der Regel der Unglücksrabe am Ende einer Fehlerkette, die gut 50 Meter weiter vorne startete. Innenverteidiger ist ein Beruf voller Enttäuschungen, dass wird Salif Sané nicht erst seit heute wissen.

Zusammen mit Kalidou Koulibaly bildete er gegen Japan erneut das senegalesische Innenverteidiger-Duo. Beide machten ein gutes Spiel, besonders Sané stellte für die Japaner oft das Ende des Angriffs dar. Er köpfte Flanken aus dem Sechzehner und blockte in der zweiten Hälfte einen Schuss von Yūya Ōsako im Fünfmeterraum. Wenn er im Laufduell einen Schritt zu spät war, fuhr er sein langes Bein wie einen Haken aus und fischte den Ball vom Fuß des Stürmers. In der ersten Halbzeit verlor Sané keinen einzigen Zweikampf.

Auch in der 78. Minute war Sané Sieger im Kopfballduell, touchierte den Ball jedoch nur. Unfreiwillig brachte er Takashi Inui an der Grundlinie ins Spiel, der auf den eingewechselten Honda zurücklegte. Senegals Torhüter Khadim N'Diaye lag bereits geschlagen am Boden, Honda schob zum 2:2 Endstand ein. Es war nicht Sané, der dieses Tor direkt verschuldete, unglücklich sah er dennoch aus.

Insgesamt erfreuten sich die Zuschauer im Stadion in Jekaterinburg an einem unterhaltsamen Spiel. Die japanischen Fans waren klar in der Überzahl, doch das rhythmische Trommeln der Senegalesen war unüberhörbar. Auch auf dem Platz gab die senegalesische Mannschaft zunächst den Takt an, oft probierte sie es über die rechte Seite. Eine Flanke von dort war Ausgangspunkt für das 1:0 von Sadio Mané, schwer begünstigt durch einen Fehler von Torhüter Eiji Kawashima.

Die Japaner hegten Wachstumsambitionen

Die körperliche Überlegenheit der Senegalesen schien sich auszuzahlen. "Ich habe meinen Spielern gesagt, sie sollen fünf Zentimeter wachsen und fünf Kilo zunehmen, aber es hat nicht funktioniert", sagte Japans Trainer Akira Nishino bereits vor der Partie. Osako und Shinji Kagawa sahen neben Koulibaly und Sané zwischenzeitlich aus wie C-Jugendliche, die bei den ersten Herren mitkicken durften. Kagawa blieb das ganze Spiel über unsichtbar, da hätte wohl auch kein plötzlicher Wachstumsschub geholfen.

Mit zunehmender Spieldauer zogen die Japaner immer konsequenter ihr Passspiel auf, das ihnen schon gegen Kolumbien zum Sieg verholfen hatte. Die Samurai Blue spielten mehr Pässe, hatten öfter den Ball, schossen aber weniger aufs Tor als der Senegal. Die erste echte Chance der Japaner nutzte Inui zum Ausgleich (34.). Nach dem Seitenwechsel tat sich Senegal auf einmal schwer, in die Nähe des gegnerischen Tors zu kommen. Die Pässe aus der Abwehr heraus wurden höher und weiter, weniger aus taktischem Kalkül als aus Ideenarmut.

Bezeichnend dafür war eine Szene in der 69. Minute. Mané und Ismaïla Sarr berieten sich vor einem Freistoß aus vielversprechender Position lange mit vor den Mund gehaltenen Händen. Wie wichtig so eine Beratschlagung vor dem Ausführen sein kann, weiß man in Deutschland spätestens seit Sonnabend. Anders als bei Marco Reus und Toni Kroos kam allerdings ein weniger produktiver Einfall heraus. Mané passte flach in die Füße eines Japaners, anstatt mit einer Flanke seine großgewachsenen Mitspieler zu suchen.

Entsprechend fassungslos guckte Trainer Nishino an der Seitenlinie, als Senegal in der 71. Minute erneut in Führung ging. Youssouf Sabaly drehte eine Pirouette im Strafraum, seine Flanke schob der aufgerückte Rechtsverteidiger Moussa Wagué am zweiten Pfosten ein.

Traurig war nach dem Schlusspfiff niemand. Trotz Japans Ausgleich in der Schlussphase hat Senegal beste Chancen, im letzten Gruppenspiel gegen Kolumbien das Achtelfinale zu erreichen. Die Japaner haben das Weiterkommen ebenfalls in der eigenen Hand. "Zwei zu zwei, das ist doch kein schlechtes Ergebnis", sagte Senegals Trainer Aliou Cissé nach der Partie, dennoch ergänzte er: "Schade, dass wir beim Stand von 2:1 den Sack nicht zugemacht haben." Als ehemaliger Innenverteidiger weiß er aber natürlich genau, wie man mit Enttäuschungen umgeht.