32 Mannschaften treten bei der Fußballweltmeisterschaft an. Für jede hat eine Redakteurin oder ein Autor von ZEIT ONLINE oder DIE ZEIT die Patenschaft übernommen. Unsere WM-Paten begleiten ihr Team durchs Turnier und schreiben persönliche Spielberichte.


Kolumbien – Japan 1:2

The Greatest Showman des Weltfußballs steht in einem Fernsehstudio in Baden-Baden. Das ZDF hat René Higuita in die badische Provinz eingeflogen. Higuita ist bekannt als Erfinder des spektakulären Skorpion-Kicks und für seinen Kokain-Konsum. Er wurde deshalb zweimal gesperrt, saß zudem zeitweise im Gefängnis (aus dem er unter anderem wegen der Androhung eines Hungerstreiks entlassen wurde) und unterzog sich für das Fernsehen einer Schönheitsoperation. Heute sieht er ein wenig aus wie ein Ballermannsänger. In seinen Analysen verfährt Higuita nach der Lothar-Matthäus-Methode: Im Zweifel weiß er immer alles besser als der Bundestrainer.

Kolumbien, das ist Show. Japan, das ist (manchmal etwas unspektakuläre) Arbeit. Dass beim Auftaktspiel der Gruppe H die Sympathien klar verteilt sind, ist klar: Einer wie Higuita macht mehr Aufsehen als Japans Kapitän Makoto Hasebe, der zwar mit seiner ruhigen Spielweise Eintracht Frankfurt zum DFB-Pokalsieg führte, aber dem noch kein Skorpion-Kick gelungen ist.

Der Favorit verliert die Lust

Stattdessen reden alle über Kolumbiens Superstar James Rodríguez, der zunächst auf der Bank sitzt, weil seine muskulären Probleme das Spielen von Beginn an unmöglich machen. Aber ist ja nicht so schlimm, es geht ja nur gegen Japan. Doch dann wehrt Davinson Sánchez in der dritten Minute den Schuss eines Japaners mit dem Arm ab, im Strafraum, und sieht dafür die Rote Karte. Shinji Kagawa schießt den Strafstoß lässig ins rechte untere Eck. Und plötzlich ist der Sieg Kolumbiens doch nicht mehr so klar.

In der WM-Arena von Saransk beginnt das, was man schon aus dem Sportunterricht kennt: die Underdogs lassen die Cracks nicht zaubern und der Favorit verliert die Lust am Spiel. Bei der WM heißt das: Versucht Kolumbien zu kombinieren, rennen zwei, drei Japaner in Richtung des Balls und fangen ihn ab.

Den Ausgleich erzielt Kolumbien nur, weil Schiedsrichter Damir Skomina einen Freistoß gibt, der keiner ist. Und weil die komplette japanische Mauer in die Luft springt, Juan Quintero aber unter sie hindurch schießt – ins Tor. Torhüter Eiji Kawashima angelt den Ball noch hinter der Linie hervor,  schüttelt theatralisch den Kopf und wackelt mit dem Finger. Aber die große Empörung liegt den Japanern ebenso wenig wie die große Show. Per Torlinientechnik wird das Tor bestätigt.  

Man muss den Kolumbianern lassen, dass sie sich auch zu zehnt nicht aufgeben. Dass sie, zumindest gegen Ende der ersten Halbzeit, Japan wieder überlegen sind. Vielleicht sind es ja auch die Zuschauer, die in der Mehrheit Kolumbien anfeuern und japanischen Ballbesitz regelmäßig mit Pfiffen quittieren. Es ist die schwächste Phase im Spiel der Japaner.