32 Mannschaften treten bei der Fußball-Weltmeisterschaft an. Für jede hat eine Redakteurin oder ein Autor von ZEIT ONLINE oder DIE ZEIT die Patenschaft übernommen. Unsere WM-Paten begleiten ihr Team durchs Turnier und schreiben persönliche Spielberichte. Vor dem Anpfiff haben sie ihre Jungs porträtiert. Hier: Marokko.

Marokkanischer Fußball ist in meiner Familie eine ernste Angelegenheit. Meine Tante fand einst die Liebe ihres Lebens in Gestalt eines marokkanischen Studenten der Ingenieurwissenschaften, was mir drei marokkanisch-deutsche Cousins beschert hat. Karim, der Älteste, pflegt seine deutschen Wurzeln mit einer für mich rätselhaften Liebe zum FC Bayern, weswegen seine beiden Söhne mit zweitem Vornamen Karl-Heinz und Lothar heißen. Eine kleine Hommage an die Herren Rummenigge und Matthäus.

Aber in den kommenden Tagen und Wochen sind die Loyalitäten – auch meine – klar: Allez les Lions de l’Atlas. Marokko im Achtelfinale? Viertelfinale? Warum nicht? Sagt jedenfalls mein Cousin.

20 Jahre haben die Marokkaner auf eine WM-Teilnahme gewartet. Damit ab sofort wirklich jeder beim Namen ihres Landes an Fussball denkt, will der nationale Verband auch noch die WM 2026 ausrichten. Weswegen Marokko im Juni mit drei scheinbar übermächtigen Gegnern fertig werden muss: Auf dem Spielfeld mit Spanien und Portugal, die zusammen mit Marokko und dem Iran die Gruppe B bilden. In der globalen Machtpolitik mit Donald Trump, der die WM 2026 in die USA holen will.

Es fehlt ein Mo Salah

Bleiben wir erst einmal beim Fußballspiel und fragen den Experten. Meinen Cousin Karim in Casablanca.

Stärken des Teams? "Na, die Abwehr! Kein einziges Gegentor in der Qualifikationsphase." (Den 0:1 Ausrutscher gegen Äquatorialguinea in der Anfangsphase der Qualifikation lassen wir jetzt mal weg.)

Chef der Abwehr ist der Mannschaftskapitän Medhi Benatia, vom FC Bayern einst als Verteidiger eingekauft, wo er nie richtig Fuß fasste, nun Spitzenspieler beim italienischen Meister Juventus Turin. Tore schießt er auch manchmal, zum Beispiel beim 2:0 gegen die Elfenbeinküste, was Marokko endgültig die Teilnahme in Russland sicherte.

Womit wir bei der Schwäche des Teams wären: "Fehlende Effizienz", kommentiert mein Cousin die marokkanischen Stürmer. Nicht, dass Ayoub El Kaabi, Hakim Ziyech oder Aziz Bouhaddouz gar nicht treffen. Aber sie tun es eher gegen Mali, Namibia oder Mauretanien. Marokko fehlt ein Mohamed Salah, der einen Sergio Ramos stehen lässt, wenn der nicht gerade Judo-Hebel anwendet.

Das könnte ein Problem werden für das dritte Gruppenspiel der Marokkaner am 25. Juni gegen Spanien.

"Ach was", sagt mein Cousin und mailt mir sein Best-Case-Szenarium: Marokko gewinnt sein Auftaktspiel gegen den Iran, Spanien schlägt Portugal. Am zweiten Spieltag der Gruppe B ringen Benatia und Co. den Portugiesen ein Unentschieden ab, während die Spanier die Iraner vom Platz fegen. Es folgt das kleine Wunder am dritten Spieltag: Noch ein Unentschieden gegen Spanien, das zu diesem Zeitpunkt ohnehin schon im Achtelfinale stünde und es etwas lockerer angehen lassen würde. Et voilà: Marokko wäre Gruppenzweiter. "Hoffe ich jedenfalls", sagt mein Cousin und fügt noch eine weitere Stärke des Teams hinzu: Nationaltrainer Hervé Renard, ein Franzose mit dem Gesicht von Old Shatterhand und einer Vorliebe für Designerhemden, hat den Spielern hartnäckiges Pressing beigebracht.

Amine Harit!

Auf die Freundschaftsspiele zur WM-Vorbereitung muss man nicht zu viel geben, aber Marokko hat sie bislang alle gewonnen – unter anderem gegen die WM-Teilnehmer Nigeria und Serbien. Wobei nicht nur 35 Millionen Marokkaner (abzüglich einiger Fußball-Abstinenzler wie meine Tante) die Daumen drücken, sondern auch Tausende Benatia-Fans in Turin, die Anhänger des FC St. Pauli, wo der Stürmer Bouhaddouz unter Vertrag steht, sowie ganz Gelsenkirchen, wo Marokkos junger Dribbelkünstler Amine Harit von Schalke 04 gerade zum "Rookie der Saison" gekürt wurde.