Auch wenn Zitate über Mesut Özil inzwischen ermüden, ist hier noch, versprochen, ein letztes: "Mesut wurde bei der WM  2014 viel kritisiert, aber er war einer unserer wichtigsten Spieler. Du konntest ihm unter Druck den Ball geben, er hat keinen verloren." Das stammt nicht von Mario Basler oder Stefan Effenberg. Sondern von einem Weltmeister. Nicht irgendeinem, sondern dem Kapitän von 2014, Philipp Lahm. Er sagte es in einem Doppelinterview mit Xabi Alonso der Süddeutschen Zeitung.

Dies sollte man ernster nehmen als das, was die Kritiker, die Polemiker von sich geben, die sich Özil nach der deutschen Niederlage gegen Mexiko rauspicken, als wäre er der Hauptschuldige. Und die mit der Ablehnung vieler Fans spielen, weil er sich mit Erdoğan fotografieren ließ. Muslim ist. Türkische Großeltern hat. Die Hymne nicht singt.

Man könnte versucht sein, Özil aus Reflex gegen alle Kritik in Schutz zu nehmen. Aber tatsächlich kann er ja besser spielen, sogar viel besser als in diesem Auftaktspiel. Was natürlich für alle gilt, die gegen Mexiko aufliefen. Und was seine Kritiker übersehen, und zwar seit Jahren: Özil beherrscht etwas, das seine Mitspieler nicht können, auch an schlechten Tagen.

Der Teilchenbeschleuniger

An seinen guten Tagen ist er der Spielmacher, der mit genauen Pässen Abwehrreihen zerschneidet. Allen, die sich an seinen hängenden Schultern stoßen, sei gesagt: Es ist gerade der Witz an Özil, dass er schleicht wie eine Katze und aus dem Nichts das Tempo anzieht, denn schnell ist er ja. Auch seine Pässe sind oft Camouflage. Bis zum letzten Moment ahnt man sie nicht, manchmal sieht es so aus, als ob er weiterlaufen wollte, doch dann ändert er mit einer Ballberührung das Spiel, öffnet und beschleunigt es, spielt die Stürmer frei.

Kein anderer deutscher Nationalspieler hat mehr Tore vorbereitet (39) als er. Er ist der einzige Fußballer, der in den drei stärksten Ligen Europas, Bundesliga, Primera División und Premier League, der beste Assistgeber der Saison war. Özil spielt mit seinem schwachen rechten Fuß genauer als mancher andere mit seinem starken. 

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Aber auch wenn es nicht gut läuft, erfüllt Özil fast immer eine Funktion, auf die ein Trainer kaum verzichten kann. Er ist, und das meinte Lahm, die Anspielstation in der sensiblen Zone, in der Druckkammer des Fußballs. Am Flügel kann (fast) jeder den Ball annehmen, doch Özil fordert ihn auch in den Räumen zwischen gegnerischer Abwehr und Mittelfeld. Er beherrscht ihn dort, im Zentrum vor der Abwehr des Gegners, wo es schwer ist, weil viele Häscher lauern. Dort gelingt ihm dank seines Spielverständnisses und seiner formidablen Technik fast jede Ballannahme. Meist sogar mit Blick und Schultern Richtung Tor.

Darum geht es doch

Das heißt, er stoppt den Ball nicht nur irgendwie, sondern setzt die Verteidigung mit dem ersten Kontakt sofort unter Druck. Von dieser 10er-Position aus ist die Chance am größten, gefährlich zu werden. Da braucht es einen Spieler, der mit Körpertäuschungen, kurzen Wacklern sich selbst Platz verschafft und die Gegner auf den falschen Fuß schickt. Der sich durch Nadelöhre hindurchwindet und auf einer Nadelspitze tanzt.

Was Kritiker ihm gerne als Lässigkeit vorwerfen, ist genau das, worum es im zeitgemäßen Fußball geht: um lässigen Ballbesitz in der gefährlichen Zone. Den Stress haben die anderen, die Abwehrspieler. Das ist die Lehre Barcelonas.

Das können nur die Supertechniker, von denen es in Deutschland nach Lahms Karriereende nicht sehr viele gibt. Toni Kroos sicher, Leroy Sané bald auch, Julian Draxler zumindest theoretisch. Und eben Özil. Man erkennt sein Talent bei der ersten Bewegung. Der Kicker, der auf dem Bolzplatz von Bulmke-Hüllen, einem Stadtteil Gelsenkirchens, groß wurde. "Dort lernte ich auf unbeschwerte Weise den Fußball lieben", sagte Özil dem Magazin Mission Titelverteidigung. Dort habe er sich alles selbst beigebracht.

Özil ist ein Straßenfußballer, wie die erste Nachkriegsgeneration um Beckenbauer, Overath, Haller und Netzer. Die brauchten keine Trainer, um zu den Besten der Welt zu werden. Wenn man so will, steht Özil in bester deutscher Fußballtradition. Er will spielen und spielen.