Mit ihren Trikots und Fotos haben Ilkay Gündoğan und Mesut Özil nicht nur Erdoğan ein Geschenk gemacht, sondern auch der AfD. Spätestens durch das Pfeifkonzert von Leverkusen dürften sich die Partei, ihre Anhänger und ihre publizistischen Verbündeten in ihrer Abneigung gegen Integration und ihrer islamfeindlichen Haltung bestätigt fühlen. In der üblichen Freude am Scheitern, versteht sich.

Durch die politische Dummheit von Özil und Gündoğan, auch ihre halbherzige bis ignorante Reaktion auf die Kritik an ihnen, wird die WM in Russland für die Neue Rechte mehr denn je zur Chance, ihr schwieriges Verhältnis zur Nationalmannschaft neu zu ordnen. Sie befand sich ja bis jetzt in einem Dilemma: Einerseits lässt sich Patriotismus kaum besser demonstrieren als mit der Liebe zur Nationalelf. Andererseits ist deren Aufschwung seit 2006 mit Entwicklungen verbunden, die dem Denken der AfD und ihrem politischen Programm widersprechen. Einerseits soll Deutschland auch im Volkssport die Nummer eins der Welt sein. Andererseits gibt es in der Nationalmannschaft seit Jahren Spieler, deren Väter oder Mütter aus Tunesien, Ghana oder Spanien kommen, die an Allah glauben und die nicht weiß sind.

Die deutsche Elf ist die Antithese zur AfD. Sie ist multikulti und kosmopolitisch. Und sie hat Erfolg. Bei der vorletzten WM, bei der elf von dreiundzwanzig Spielern eine nichtdeutsche Mutter oder einen nichtdeutschen Vater hatten, begeisterte sie Fans auf aller Welt mit spektakulären Siegen gegen England und Argentinien. Das letzte WM-Turnier hat sie gar gewonnen, und über ein 7:1 gegen Brasilien lässt sich schwer meckern.

Auch in Russland läuft Jogi Löws Mannschaft mit einigen Kindern oder Enkeln von Migranten auf. Der Profifußball kann zwar nie ein 1:1-Abbild einer Einwanderungsgesellschaft sein, dennoch spielt die Elf, ob sie will oder nicht, um die Akzeptanz des multiethnischen Deutschlands. Das tut sie auch, weil es der AfD inzwischen auch im Fußball gelingt, ihre Themen durchzusetzen und ihre Haltung mehrheitsfähig zu machen. Viel wird in dieser Frage vom sportlichen Erfolg abhängen.

Angst vor dem großen Austausch

Falls die Mission Russland schiefgeht, sind die Schuldigen schon gefunden. Aus dem Fall Gündoğan/Özil will und wird die Rechte Kapital schlagen. Alice Weidel hat die beiden bereits dazu aufgefordert, für die Türkei zu spielen – unabhängig davon, dass die Fifa-Regeln einen Wechsel verbieten. Das rechte Compact-Magazin freut sich unverhohlen über Özils Verletzung, die "ausgleichende Gerechtigkeit". Die Junge Freiheit spricht von der "Integrationslüge" des DFB. Özils Bilder aus Mekka, wo er sich im traditionellen Gewand zeigte, sind im Gedächtnis vieler noch immer erzürnter AfD-Politiker. Der sächsische Bundestagsabgeordnete Siegbert Droese, der sich vor der Wolfsschanze ablichten ließ, bezeichnete das neue DFB-Trikot als "Kampfansage gegen Deutschland". Ihm ist da zu wenig Schwarz-Rot-Gold drauf.

Dahinter steckt das Hirngespinst der Neuen Rechten von der Umvolkung, vom großen Austausch. Das zeigte sich schon bei ihrer Empörung über das DFB-Etikett "Die Mannschaft", aus der die "Nation" gestrichen wurde. "Der Furor der Neuen Rechten richtet sich gegen den Patriotismus des Geburtsortsprinzips, der das Deutschland des Abstammungsprinzips, das Recht des Blutes, abgelöst hat", sagt der Politologe und Rechtsextremismusforscher Richard Gebhardt.