32 Mannschaften treten bei der Fußball-Weltmeisterschaft an. Für jede hat eine Redakteurin oder ein Autor von ZEIT ONLINE oder DIE ZEIT die Patenschaft übernommen. Unsere WM-Paten begleiten ihr Team durchs Turnier und schreiben persönliche Spielberichte. Vor dem Anpfiff haben sie ihre Jungs porträtiert. Hier: Mexiko.

Die Trainingsphase vor diesem Artikel provozierte einige nervliche Überdehnungen. Kollegin: "Nimm doch Österreich, Julia!" Ich: "Willst du mich verarschen?!" Kollegin: "Ah ja, ups, tut mir leid. Italien?" Nun ist weder dem Land meiner Staatsbürgerschaft ("Córdobaaaa!") noch dem meines Herzens ("Amore!") das Glück (oder Können?) beschieden, in Russland vor den Augen der Welt den Ball hin und her zu schieben. Dann eben Mexiko.

Und es ist nicht so, als würde mich mit Mexiko nichts verbinden. Onkel Peppi wanderte 1938 nach Mexiko aus. Dort heiratete er Tante Inge und zeugte einen Haufen mexikanischer Verwandte, mit denen ich auf Facebook befreundet bin. Außerdem sinnierte ich in den frühen 2000ern unter dem Sternenhimmel von Tulum über die Endlichkeit des Seins ("Bald sind wir alle Mumien, weißt du?"). Wenn Sie sich, liebe Leserinnen und Leser, nun fragen, wieso die Autorin so ich-zentriert vor sich hinschwafelt: Es handelt sich um eine bewusste Vermeidungsstrategie.

"Ein freier Tag ist ein freier Tag"

Denn googelt man aktuell die mexikanische Nationalmannschaft, die immerhin ganz leicht durch die Qualifikation kam, stößt man auf ein paar aufsehenerregende Details am unsportlichen Rande und die Erkenntnis: Nicht nur im heimischen Schnaps ist der Wurm drin.

"Ein freier Tag ist ein freier Tag, und das ist das Risiko, das mit der Freiheit einhergeht", erklärte der Generalsekretär des mexikanischen Fußballverbandes, Guillermo Cantú, streng moralphilosophisch das Verhalten einiger Nationalspieler, die sich nach dem letzten Vorbereitungsspiel nicht nur ein, zwei, drei Mezcal genehmigten, sondern auch einige Escortdamen zur Feier luden.

Wer dieses Verhalten gerüchteweise gar nicht gut fand, war Raffa Márquez. Der 39-jährige Rekordkapitän soll sich die Feierbiester zur Brust genommen haben. Andere wieder behaupten, Márquez habe die Sause gar organisiert. Ein echter Kapitän halt. Vielleicht ist "El Kaiser" Márquez, der einst für den FC Barcelona kickte, als moralische Instanz auch nicht hundertprozentig geeignet: US-Behörden, die mit der mexikanischen Generalstaatsanwaltschaft zusammenarbeiteten, werfen ihm vor, eine Schlüsselfigur in der Drogen- und Geldwäscheszene der Narcos zu sein. Zum Spiel Ende Mai gegen Wales fehlte Márquez deswegen auch vorsichtshalber. Der Test fand in Kalifornien statt.

Verzichten will der mexikanische Verband auf Márquez trotz allem nicht. Neben seiner ungebrochenen Beliebtheit auch deswegen nicht, weil der Trainer Juan Carlos Osorio nur über ein überschaubares Maß an Autorität zu verfügen scheint. Eine Eigenschaft, die wiederum Márquez nicht fehlt. Wenn die Spieler nicht gerade Orgien feiern, hören sie auf ihn.

Neben Márquez, der seine Vereinskarriere übrigens bereits beendet hat und quasi zur Kür in Russland auflaufen wird, spielen einige Legionäre beim ersten Vorrundengegner der deutschen Nationalmannschaft. Darunter auch Marco Fabián und Carlos Salcedo, denen die Spieler des FC Bayern Münchens kürzlich das Spalier verweigerten. Die beiden gewannen mit Eintracht Frankfurt das DFB-Pokal-Finale.

"Wir haben das Recht, zu denken, dass das ein Ziel ist, das man erreichen kann." Der Satz, der zwischen einer revolutionären Proklamation und einer wortreicheren Variante von "Träumen ist erlaubt" oszilliert, ist die Einschätzung von Trainer Osorio zum potenziellen Erfolg seiner Mannschaft. Der Erfolg, also das Ziel, es wäre: mal nicht im Achtelfinale auszuscheiden. Im Fußball wie im Leben überhaupt wird ja schnell von einem Fluch gesprochen, wenn mal öfter hintereinander etwas nicht klappt. Seit 1994 ist Mexiko verlässlich im Achtelfinale ausgeschieden. Positiv gesprochen hat Mexiko diesmal wieder die wunderbare Chance, einen Fluch zu besiegen.

Warum wird Mexiko Weltmeister?

Wegen dieses Satzes für alle Lebenslagen: "Wir haben das Recht, zu denken, dass das ein Ziel ist, das man erreichen kann."

Wieso vielleicht doch nicht?

Der Fluch!

Wer kommt ganz groß raus?

Österreich!