32 Mannschaften treten bei der Fußballweltmeisterschaft an. Für jede hat eine Redakteurin oder ein Autor von ZEIT ONLINE oder DIE ZEIT die Patenschaft übernommen. Unsere WM-Paten begleiten ihr Team durchs Turnier und schreiben persönliche Spielberichte.

Ouzo-Gläser stürzen zu Boden, ein Stuhl knallt gegen mein Knie, Bier spritzt durch die Luft. Ich werfe mich rettend über meinen Computer. Zwei Gefahrensituationen für Leib, Seele und Elektronik der Mexiko-Patin werden nach dieser 50. Spielminute noch folgen.

Aber von vorn: In einem kleinen griechischen Badeort an der Südküste Kretas (und da im Osten, glauben Sie mir und nicht den Reiseführern: Es ist trotz einiger baulicher Ungereimtheiten und Monstrositäten zum Niederknien schön) haben sich in der Blue Bar etwa 60 Fußballbegeisterte eingefunden. Auf der einen Seite des lang gezogenen Raumes: zehn Deutschlandfans, ohne leidige Beflaggung, aber zwei von ihnen tragen immerhin Schweißtücher in den Landesfarben. Kein einziger Südkorea-Anhänger.

Auf der anderen Seite: ein Meer an offenbar schwedischen Menschen in gelben Trikots mit blauen Streifen und ein Mexiko-Fan. Ich war, trotz meiner Rolle als mexikanische WM-Patin, bei den Schwedinnen und Schweden, und trotz meiner noch immer durchaus vorhandenen Skepsis gegenüber dem mexikanischen Nationalteam finde ich im schwedischen Fanblock zu einer gewissen Sympathie für mein Patenteam.

Für beide Fernseher gilt Tonverbot. Die griechischen Betreiber, die sich in die Bar in der Mitte des Raumes zurückgezogen haben, wollen zumindest der Kommentatorentonschlacht entgehen.

Vor Anpfiff beglückt ein schon sichtlich berauschter Schwedenfan das Publikum, indem er mit einer nicht ganz sauberen Schwedenfahne über die Köpfe der Anwesenden streicht. Eine Art Taufe. Meinem widerwilligen Kopfschütteln zum Trotz bin jetzt auch ich gesegnet. Und bereit.

Leider sind das die Mexikaner weniger. Schweden dominiert weitestgehend das Spiel. In der 17. Minute kombiniert sich Mexiko immerhin durchaus sehenswert zum Tor, den Ball bugsiert ein Mexikaner aber drüber.

Ich habe Angst, mir einen Ouzo zu bestellen. Gerade als ich es doch wage, brüllt es schwedisch hinter meinem Rücken. Wieder stürmen die Schweden. Erstaunlicherweise brüllen deren Fans bei der Zeitlupenwiederholung in gleicher Intensität wie bei der vergebener Chance. Auf mexikanischer Seite überzeugt während dieser ersten Hälfte vor allem der Torwart Guillermo Ochoa ("Der Sexskandal hat uns stark gemacht"). Jede Superparade von Ochao wird vom gelben Block mit lautem Heulen beklagt, ich brülle vor Begeisterung. Entschuldigend schaue ich danach in die Runde, meine Entschuldigung wird angenommen: "You are safe here, don't worry", sagt Ole neben mir. Na dann!

Aber auch durch die rosaroteste Brille erkenne ich: Mexikos Spiel entbehrt der Schönheit. Kurz vor Ende der ersten Halbzeit simulieren die schwedischen Fans Torjubel, wohl um die deutschen Fans am anderen Ende zu irritieren. Aber die spüren eh nur noch wenig, zupfen lustlos am Schweißband.

Die gelben Trikots wiegen sich derweil die ganze Zeit rhythmisch hin und her. Als irgendwann in der Halbzeitpause auch noch eine in Gelb gehaltene Autowerbung den Bildschirm ausfüllt, glaube ich, kurz die Sinne zu verlieren.