32 Mannschaften treten bei der Fußballweltmeisterschaft an. Für jede hat eine Redakteurin oder ein Autor von ZEIT ONLINE oder DIE ZEIT die Patenschaft übernommen. Unsere WM-Paten begleiten ihr Team durchs Turnier und schreiben persönliche Spielberichte.

Dass der Anruf kam, doch bitte als Argentinien-Pate einzuspringen, kann kein Zufall gewesen sein. Ich will ehrlich sein. An Spanien hängt mein Herz, aber Argentinien war schon immer meine heimliche Liebe. Wie die ältere Schwester des besten Kumpels, für die man schwärmt, es sich aber nicht zu sagen traut. Schließlich ist Argentinien der ewige Rivale der deutschen Mannschaft bei Weltmeisterschaften.

Bei dieser WM aber stehe ich zu meinen Gefühlen. Es ist die wahrscheinlich letzte Möglichkeit für den großartigsten Fußballer, den ich je bewundern durfte, diesen kleinen goldenen Pokal zu gewinnen, den sie unten am Río de la Plata so sehr herbeisehnen. Messi und Argentinien, das ist eine komplizierte Angelegenheit. So sehr sehnt er den Erfolg herbei, dass er schon daran zu zerbrechen drohte. Zurückgetreten war Messi schon einmal. Vor zwei Jahren, aus Kummer über drei verlorene Endspiele in Folge. Irgendwann muss er doch mal Glück haben und gewinnen für Argentinien. So wie Diego Armando Maradona einst gewonnen hatte.

Den ganzen Tag summe ich ein Liedchen vor mich hin. Eines, das im Stadion gesungen aus Tausenden von Kehlen einen unglaublichen Groove erzeugen kann. "Vamos Argentina, que esta noche, tenemos que ganaaaaaaaaar." Übersetzt heißt das so viel wie "Auf geht's, Argentinien, heute Nacht müssen wir gewinnen." Ich summe und singe so oft und wohl auch so schrecklich, bis mein vierjähriger Sohn mich bremst. "Papi, hör endlich auf, zu singen." Kurz bevor alle Katzen der Nachbarschaft einstimmen, folge ich seinem Aufruf.

Vor meinem inneren Auge sehe ich ein 2:1, wobei mein Verstand mir ständig die nicht ganz unberechtigte Frage stellt, wer um alles in der Welt treffen soll für Argentinien. Trainer und Mannschaft gelten als zerstritten, einige Spieler untereinander auch. Argentinien, ein einziges Chaos, dringt es nach außen. "Cállate!", sage ich zu meinem Verstand. Halt die Klappe!

Je näher der Anpfiff rückt, desto mehr gerate ich mit dem Abendbrot in Verzug. So eine WM schützt ja nicht vor häuslichen Pflichten. Mit dem Laptop auf dem Küchentisch schneide ich Gurken und wasche Salat. Für den Ausgang im entfernten Sankt Petersburg soll das nicht ganz unerheblich sein, wie sich später herausstellt. 

Als wäre das Finanzamt hinter ihm her

Zwischen Radieschen und Paprika wird dann Lionel Messi auf die Reise geschickt. Messi nimmt den Ball perfekt an und mit, er läuft, so schnell, als wäre das Finanzamt hinter ihm her, dringt in den Strafraum ein und schießt. Mit rechts. Seinem schwachen Fuß. Egal. Goooooooool de Argentina. Ich hüpfe und springe durch die Luft.

Mit der sicheren Führung auf dem Teller geht's zum Abendbrot an den Tisch. Der Laptop kommt mit, was meine Frau nicht so gut findet. Erst recht, als mein Sohn mich daran erinnert, dass wir beim Essen ja eigentlich nicht fernsehen dürfen. Recht hat er.

Ich drücke auf Pause und setzte mich nach dem Essen ins Wohnzimmer aufs Sofa. Aus der Gemütlichkeit schreckt mich der Schiedsrichter Çakır auf. Elfmeter für Nigeria. Für ein bisschen Halten. Ein Witz! Am Ende lachen aber nur Nigeria und der Torschütze Moses. Dass Kroatien kurz darauf im Parallelspiel in Führung geht, tröstet kaum. Schließlich darf Island für die argentinischen Achtelfinalhoffnungen nicht gewinnen. Nur: Solange Argentinien nicht selbst gewinnt, ist der Rest egal.