32 Mannschaften treten bei der Fußballweltmeisterschaft an. Für jede hat eine Redakteurin oder ein Autor von ZEIT ONLINE oder DIE ZEIT die Patenschaft übernommen. Unsere WM-Paten begleiten ihr Team durchs Turnier und schreiben persönliche Spielberichte.

Panama - Tunesien 1:2

Wenn in Panama an einer Schnellstraße getüftelt wird, sorgen Ampelmenschen dafür, dass der Verkehr flüssig bleibt. Die Autos werden von freundlichen Arbeitskräften angehalten, die in eher provisorisch anmutenden gelben Schutzanzügen stecken.

Weitergefahren wird erst, wenn eine Person Handzeichen vollführt und ein rotes Fähnchen geschwenkt hat. In Sichtkontakt stehen die nächsten Ampelmänner und -frauen, gestikulieren ähnlich wagemutig. So richtig durchblickt man es nicht. Außenstehende empfinden das System als chaotisch, aber die Kommunikation scheint über Kilometer hinweg irgendwie zu funktionieren. Die Ampelmenschen sind beileibe nicht so effektiv und schnell, wie es eine Ampel wäre, sie bilden jedoch ein beispielhaftes Gemeinschaftsgefüge – und zaubern jedem mit ihren stimmungsvollen Hand-Fahnen-Kombinationen ein Lächeln ins Gesicht.

Mit diesem Prinzip könnte man auch die Leistung Panamas bei der diesjährigen Weltmeisterschaft beschreiben. Einiges wirkte provisorisch, vorm eigenen Tor, vorm gegnerischen Tor und im Mittelfeld. Die Kombinationen beim Passspiel erschlossen sich den Zuschauenden nicht immer.

Manchmal war einfach viel zu viel Betrieb auf dem Platz, der Gegenverkehr nicht kontrollierbar, alles zu schnell. Dadurch wirkten die Spieler zuweilen unbeholfen und waren häufig zu spät am Ball, weshalb ihr Einsteigen in manchen Zweikämpfen fast rüpelhaft wirkte. Die Bilanz: elf Gegentore, drei verdiente Niederlagen, null Punkte.

Ein tränenreiches Tor

Aber hey, das Team machte das Beste aus seinen limitierten Mitteln und aus den regelmäßig schwindenden Kräften. Die Elf spielte beherzt auf und ließ den Kopf auch nach Rückschlägen nicht hängen, sondern zeigte stets eine positive Körpersprache.

Aufmunternde Schulterklopfer und Shakehands belegen, dass die Kommunikation im Team stimmte. Die auf den Rängen stimmte sowieso. Schon wenn die Mannschaft auflief, wurde es dem Publikum warm ums Herz – und auf der Tribüne laut. Zum ersten Mal in der Geschichte sangen die Los Canaleros kollektiv bei einer WM die Nationalhymne, es war tränenreich.

Zum ersten Mal bei einer WM erzielte die Mannschaft ein Tor und fiel sich kollektiv in die Arme, auch das war tränenreich. Zum ersten Mal feierten so ziemlich alle neutralen Stadiongäste kollektiv mit den panamaischen Anhängern und Anhängerinnen auf der Tribüne, das war vor allem ausgelassen. Soweit ging das System von Trainer Hernán Darío Gómez auf, allerdings hatte man von der Auswahl auch nicht viel erwartet.

Wie ein Bass im Berghain

Spielerischen Hochgenuss durfte man gegen Tunesien nicht erwarten. Noch nie zuvor waren die beiden Teams aufeinandergetroffen. Die Nordafrikaner hatten vor 40 Jahren (1978 gegen Mexiko) ihr letztes und einziges WM-Spiel gewonnen, Panama noch kein einziges. Um es mit den Worten des ARD-ONE-Kommentatoren Florian Naß zu sagen: Zeitweise offenbarte die Partie eher "Szenen fußballerischer Abgründe". Das klingt hart, zumindest aber kann man sagen: Das Spiel war schwach. Immerhin waren beide Mannschaften bemüht und spielten befreit, es ging in der Gruppe um nichts mehr.

Auf den Rängen wurde trotzdem frenetisch gefeiert. Spätestens in der 33. Minute, als José Luis Rodríguez einen Abpraller aus der zweiten Reihe – mit Hilfe eines gegnerischen Beins – verwandelte, wummerte die Tribüne wie ein Bass im Berghain. Die ersten drei Punkte waren möglich! Was wäre das für eine Sensation. Kopfkino! Viel Zeit blieb dafür allerdings nicht: In der zweiten Halbzeit hielten die zwei Viererriegel Panamas Abwehr ganze fünf Minuten zusammen, bis Fakhreddine Ben Youssef sich zum verdienten Ausgleich durchtankte. Jetzt machte Tunesien Druck, und die Beine der Los Canaleros wurden zunehmend schwerer.