32 Mannschaften treten bei der Fußball-Weltmeisterschaft an. Für jede hat ein Redakteur oder eine Autorin von ZEIT ONLINE oder DIE ZEIT die Patenschaft übernommen. Unsere WM-Paten begleiten ihr Team durchs Turnier und schreiben persönliche Spielberichte. Vor dem Anpfiff haben sie ihre Jungs porträtiert. Hier: Peru.

Ich muss ehrlich sein: Mit Peru verbindet mich nicht viel. Perus Teampatin bin ich geworden, weil ich a) eine Mannschaft gesucht habe, die aus einem Land kommt, deren Sprache ich halbwegs beherrsche – und Spanien war schon vergeben; b) weil ich ein Team wollte, das im Turnier nicht ganz so weit kommt – und mir genau dann Arbeit beschert, wenn die WM spannend wird; c) mir meine Tochter ausgerechnet ein Panini-Bild des peruanischen Teams geschenkt hat – wenn das kein Zeichen ist: quasi ein Blinzeln von Inti, dem Sonnengott und dem Gott der Regenbögen in der Mythologie der Inka.

Über Peru habe ich im Grundstudium Geschichte mal was gehört, ist lange her. Inka, Túpac Amaru, Machu Picchu, Pizarro, so was. Also nicht der Pizarro, den sie in der Fußball-Bundesliga Pizza nennen und der gerade mit dem 1. FC Köln abgestiegen ist. Der ist eine tragische Gestalt, gewiss. War mal Kapitän der peruanischen Nationalmannschaft, doch jetzt, da die Blanquirrojas, die Weiß-Roten, endlich, endlich, endlich mal wieder bei einer WM-Endrunde dabei sind, hat ihn der Trainer aussortiert.

Tragisch für Peru war Francisco Pizarro, der spanische Konquistador, dem es 1532 gelang, den Inkaherrscher Atahualpa gefangen zu nehmen und in kurzer Zeit die Kontrolle über das ganze Inkareich zu erringen. Es musste erst ein Simón Bolívar mit seinen großkolumbianischen Truppen kommen, um die Spanier 1824 zu vertreiben. Ein Held von außen.

Liebe auf den zweiten Blick

Womit wir zur peruanischen Nationalmannschaft zurückkehren können, denn um die soll es hier ja schließlich gehen. Ohne das personelle Gespür und taktische Geschick eines Helden von außen würde Peru wohl weiter auf die erste WM-Teilnahme seit 1982 warten. Der Argentinier Ricardo Gareca übernahm das Team im Frühjahr 2015 als Trainer. In der WM-Qualifikation stümperte Peru wie gewohnt, bis Gareca die Stars aus dem Kader strich: Pizarro, Carlos Zambrano und Jefferson Farfán. Letzteren begnadigte der Trainer wieder und setzte ihn im Play-off-Rückspiel gegen Neuseeland ein. Genau richtig: Farfán hatte mit seinem Tor maßgeblichen Anteil am 2:0-Sieg, mit dem die Peruaner als letztes von 32 Teams ihre Teilnahme am Turnier in Russland klarmachten.  

Peru hat das Zeug zur Liebe auf den zweiten Blick. Die Attraktion des Teams offenbart sich beim genauen Hinschauen. Und es macht einfach Spaß, Außenseitern die Daumen zu drücken. Wie großartig wäre es, wenn Peru in der Vorrunde Frankreich schlägt, oder?

Außerdem sind in Peru die komischsten Vögel zu Hause: 1.800 Arten, mehr als in Europa und Nordamerika zusammen. Eine Artenvielfalt, die kein anderes Land aufweisen kann – und das ganz ohne Vogelschutzorganisation.

Tragischer Vogel Guerrero

Man tritt Paulo Guerrero sicher nicht zu nahe, wenn man ihn auch als komischen Vogel bezeichnet. Oder besser als tragischen. Denn Guerrero ist der Kopf der Mannschaft, sorgte mit seinen Toren und seinem Kampfgeist für die hellen Momente im peruanischen Spiel. Im Oktober 2017 wurde er positiv auf Benzoylecgonin getestet, einer Substanz, die im peruanischen Kokatee und in Kokain enthalten ist. Wegen der folgenden Dopingsperre hätte der frühere Profi des HSV und von Bayern München seine vermutlich letzte Chance auf eine WM-Teilnahme verpasst. Doch nun darf der 34-Jährige doch mitspielen. Ein Schweizer Bundesgericht hat die vom Internationalen Sportgerichtshof CAS verhängte Sperre von 14 Monaten aufgehoben.

Und dann ist da noch Jefferson Farfán. Bringt alles mit für einen wahren Helden, natürlich auch Tragik. Hatte immer das Potenzial für einen großen Club, für einen großen Titel. Mehr als Schalke 04 und der DFB-Pokal-Sieg 2011 ging dann aber nicht. Jetzt spielt er für Lokomotive Moskau. Farfán hat immer ein bisschen mehr gefeiert, als den Trainern recht war. Ich finde das sympathisch. Wegen seines Tors gegen Neuseeland liegen sie dem 33-Jährigen in Cusco und Lima zu Füßen. Und hoffen und beten, dass er als Rechtsaußen die Flanken zu vielen Toren Guerreros bringt. Oder am besten gleich die entscheidenden selbst schießt.

Warum wird Peru Weltmeister?

Irgendwann muss es doch mal klappen mit einem Außenseiter als Sieger.

Warum vielleicht doch nicht?

Weil Peru zu viele Tore kassieren wird.

Wer kommt ganz groß raus?

Jefferson Farfán und Paolo Guerrero (siehe oben). Oder der Torhüter Pedro Gallese. Der hat eine so wackelige Abwehr vor sich, dass er glänzen muss.