32 Mannschaften treten bei der Fußballweltmeisterschaft an. Für jede hat eine Redakteurin oder ein Autor von ZEIT ONLINE oder DIE ZEIT die Patenschaft übernommen. Unsere WM-Paten begleiten ihr Team durchs Turnier und schreiben persönliche Spielberichte. Vor dem Anpfiff haben sie ihre Jungs porträtiert. Hier: Portugal.

Die Portugiesen saßen früher im Bus immer hinten. Sie machten ihre Hausaufgaben gerade oft genug, um keinen Brief nach Hause zu riskieren, und schrieben ihr Abi nah an der Fünf-Punkte-Grenze. Denn die portugiesischen Nationalspieler hatten Wichtigeres zu tun: In ihrer Band spielen, Rauchen und Sonntagabend noch die Bekanntschaft vom Samstagabend besser kennenlernen. Und Fußball halt, eh klar. Deshalb saßen sie Montagmorgen übermüdet neben Strebern wie mir in Chemie, fragten, ob sie schnell die Hausaufgaben abschreiben konnten und folgten dem Unterricht mit glasigem Blick. Ich war topfit – und neidisch. Weil ich zwar am Sonntagabend pünktlich im Bett war, aber halt auch allein drin lag. Weil ich im Fußball eine Nulpe war.

Heute weiß ich: Mit der portugiesischen Attitüde wird man Weltmeister. Die portugiesische Nationalmannschaft spielt, wie die erwachsengewordenen Im-Bus-hinten-Sitzer heute arbeiten. Ihr Trainer, Fernando Santos, sagte in einem Interview kürzlich: "Wir sind nicht die beste Mannschaft der Welt. Aber wir sind nicht einfach zu bezwingen." Während alle anderen versuchen, mit Weltklasse zu überzeugen, werden die Portugiesen sich durchwurschteln.   

Wie das geht, haben sie schon während der EM gezeigt: Mit ihnen begann ein Spiel durchaus erst mal in der 109. Minute. Keiner spielte so überzeugend unentschieden, niemand verkörperte die dröge EM 2016 so sehr wie meine Portugiesen. Wir kommentierten das nach ihrem Sieg mit der Überschrift "Sie schieden einfach nicht aus" – und genau so wird es wieder kommen. Tore schießen kann jeder. Aber niemand spielt so stilvoll 0:0 wie die Seleção. Zuletzt überzeugten sie mit einem sensationell-belanglosen 0:0 gegen Belgien, einige Tage davor spielten sie unentschieden gegen Tunesien und verloren im März sogar gegen die Niederlande, die in Russland nicht mal dabei sind. Dass sie nun das letzte Spiel vor der WM, ein Freundschaftsspiel gegen Algerien, 3:0 gewannen, zeigt nur: Ausnahmen bestätigen die Regel.

Allerdings steht ihnen weiterhin ein Mann dabei im Weg, sich stilvoll durch das Turnier zu mogeln. Cristiano Ronaldo. Er kann es einfach nicht lassen, den Fuß immer wieder richtig hinzuhalten. So wurde er fast Torschützenkönig in der Qualifikation. Wie vor zwei Jahren zur EM hat er so die Portugiesen in das Turnier gekickt. Aber ich habe schon damals als Portugal-Pate gesagt: Cristiano, du tust deinem Team nicht gut. Und jetzt, mit 33, als Silberrücken, wäre es für ihn an der Zeit, sich eine lange Jogginghose anzuziehen und von der Bank zuzuschauen, wie sein Team sich mit einem 1:0 in der 117. Minute ins Finale mogelt – und den Titel im Elfmeterschießen holt.

Warum wird dieses Team Weltmeister?

Weil ich das sage. Und ich habe schon zur letzten EM ganz zu Anfang gesagt: Die Portugiesen werden Europameister – aber nur ohne Ronaldo. Und genau so kam es.

Warum vielleicht doch nicht?

Weil Ronaldo einfach nicht die Füße stillhalten kann.

Wer kommt ganz groß raus?

Die Nachspielzeit. Wenn alle auf dem Platz schon erschöpft sind und die Zuschauer vor dem Fernseher eingeschlafen, drehen die Portugiesen auf.