Vor Ramsan Kadyrow gibt es kein Entrinnen. Auch nicht für einen Weltstar des Fußballs wie Mohamed Salah. Oder gerade nicht für einen wie ihn. Als vergangene Woche die ägyptischen Nationalspieler beim Training im Fußballstadion in Grosny die ersten Bälle hin- und herspielten, will sich Salah, der Torjäger des FC Liverpool, eigentlich noch ein paar Stunden in seinem Hotelzimmer ausruhen. Er hatte sich beim Champions-Leage-Finale die Schulter verletzt. Doch Salah wird aus seinem Hotelzimmer geklingelt, in das Stadion kutschiert und vor die Fernsehkameras geschleift – der tschetschenische Präsident Ramsan Kadyrow wollte es so. 

So ist das in Kadyrows Reich. Einen Diktator lässt man nicht warten. Salah schüttelt nun mit gequältem Lächeln Hände, gibt Interviews, winkt den Fans zu. Doch Kadyrow, Arm in Arm mit Salah, bekommt die Bilder, die er wollte. "Unser Volk hat furchtbare Tage durchgemacht", spricht Kadyrow, im Jogginganzug des lokalen FC Achmat Grosny, in die Fernsehkameras. "Aber mit dem Training haben wir gezeigt, dass unsere Republik alle Bedingungen erfüllt, um Sportveranstaltungen auf internationalem Niveau auszutragen." 

Tschetschenien. Von zwei Bürgerkriegen wurde die Republik im Nordkaukasus erschüttert. Seit dem Tod von Ramsans Vater Achmat, der zunächst zum Dschihad gegen Moskau aufrief und sich schließlich doch mit Wladimir Putin verbündete, führt Kadyrow die Republik wie eine Diktatur. Aktivisten, Menschenrechtler und Journalisten werden verfolgt, gefoltert, ermordet. Vor Kurzem haben die Schilderungen über die Verfolgung Homosexueller weltweit Schlagzeilen gemacht. Im Februar ist der bekannte Menschenrechtler und Leiter des Memorial-Büros in Tschetschenien, Ojub Titijew, verhaftet worden. Die Menschenrechtslage ist selbst für russische Verhältnisse skandalös, Experten sprechen von einem rechtsfreien Raum.   

Salah ist Kadyrows Trophäe

Doch die Fußball-WM findet auch hier statt. In Grosny gibt es zwar kein WM-Spiel, aber das Team Ägypten hat hier Quartier bezogen. Egal wer am 15. Juli im Moskauer Luschniki-Stadion Fußball-Weltmeister 2018 wird, dass die ägyptische Mannschaft in Tschetschenien gastiert, ist für Kadyrow schon jetzt ein Triumph. Und Salah ist seine Trophäe.

Dass die Ägypter zu Gast sind, ist Kadyrows Ambitionen in der muslimischen Welt geschuldet. Kadyrow, selbst ein gläubiger Sunnit, versucht engere Bande zu Ländern von Kairo bis Abu Dhabi zu knüpfen. Längst ist er zum "inoffiziellen Botschafter des Kreml im Nahen und Mittleren Osten" geworden, sagte Grigori Schwedow, der Chefredakteur der kritischen Online-Agentur Caucasian Knot, ZEIT ONLINE. "Außerdem wollen sowohl Kadyrow als auch Putin mit der WM in Tschetschenien zeigen: die Region ist wieder ruhig und befriedet."

Fußball soll die säkulare Seite Kadyrows zeigen

Überhaupt spielt Sport für Kadyrow eine große Rolle. Während Putin in Eishockey-Kluft auffährt und sich auf dem Eis gern mit alliierten Autokraten wie dem belarussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko misst, streift sich Kadyrow gerne das Fußballtrikot über. "Der Fußball soll ihm dabei helfen, sich als eine säkulare Führungsfigur zu inszenieren und sein internationales Image aufzupolieren," sagt Schwedow. Im Gegensatz zum Image, das Kadyrow auf regionaler Ebene in Tschetschenien pflegt: das des islamischen Führers und des Kampfsportlers. "Der Fußball ist zu seinem Spiel geworden", sagt Schwedow. "Und er versteht es, dieses Spiel politisch für sich zu nutzen."

Eine Schlüsselrolle spielt dabei der FC Achmat Grosny. Der Club ist eng mit der wechselvollen Geschichte Tschetscheniens verbunden: Schon 1946 zu Sowjetzeiten gegründet, ging es nach der Wende und dem Ausbruch des tschetschenischen Bürgerkriegs bergab. Als Putin 1999/2000 an die Macht kam, wurde aber wieder viel Geld aus Moskau in den Club gepumpt. Der Aufstieg begann: So sehr, dass er 2004 sogar den russischen Pokal gewann und in der Folge auch im Uefa-Cup spielte.