32 Mannschaften treten bei der Fußballweltmeisterschaft an. Für jede hat eine Redakteurin oder ein Autor von ZEIT ONLINE oder DIE ZEIT die Patenschaft übernommen. Unsere WM-Paten begleiten ihr Team durchs Turnier und schreiben persönliche Spielberichte.

Russland – Ägypten 3:1

Sie hatten sich schon andere Teams ausgesucht. Deutschland. Frankreich. Spanien. In einer Umfrage der größten russischen Sportseite Sports.ru sagten 73 Prozent der 6.000 Befragten, dass ihr Team in der Vorrunde ausscheiden würde. 73 Prozent von 6.000, das sind 4.380 Pessimisten. Auf Russlands Gesamtbevölkerung umgerechnet wären das über 100 Millionen.

Gerne würde ich denen nun als Geste des Dialogs zurufen: "Ihr hattet alle recht!" Davon spricht man jetzt häufig: Dialog mit Moskau wagen. Doch ich muss diesen 73 Prozent sagen: "Ihr habt ja keine Ahnung."

Russland ist nach dem überzeugenden 3:1 gegen Ägypten als erstes Team so gut wie sicher für das Achtelfinale qualifiziert. Nur ein saudi-arabisches Fußballwunder kann uns noch stoppen. Oder effektive Dopingkontrollen. Beides klingt absurd.

Das russische WM-Sommermärchen zieht auf. Nicht mal der beste Spieler der besten Liga der Welt konnte das verhindern. Der ägyptische Wunderstürmer Mo Salah vom FC Liverpool stand zum ersten Mal bei dieser WM auf dem Feld. Hätte er nicht vor dem 3:1 am Elfmeterpunkt gestanden (und wäre nicht vorher gefoult worden), man wäre sich unsicher gewesen, ob er sich nicht noch beim Tschetschenen-Herrscher Ramsan Kadyrow versteckte.

Was viel über Russlands Defensive sagt. Ehre gebührt dem Trainer, Stanislaw Tschertschessow. Ich erwähnte bereits, dass nur wir beide unerschütterlich an den Fortschritt unserer Mannschaft glaubten. Ich lieferte die Worte, er das Personal. Gegen die Ägypter setzte er auf Denis Tscheryschew, den er im ersten Spiel nur von der Bank brachte. Tscheryschew traf. Er vertraute auf Artjom Dsjuba, den er im ersten Spiel nur von der Bank brachte. Dsjuba traf. Das Führungstor war ein kunstvolles Eigentor des ägyptischen Kapitäns Ahmed Fathy, der entscheidend von Dsjuba bedrängt wurde.

So spielen Achtelfinalisten

Überhaupt dieser Dsjuba. Wenn er nicht Fußball spielt, kümmert er sich um russische Straßenhunde. Und wie elegant der 1,94 Meter große Stürmer den Ball vor dem dritten Tor herunternahm, sich um die eigene Achse drehte, als hätte er es im Bolschoi jahrelang aufgeführt, und dann den Ball satt in die Ecke dropkickte: So spielen eben Achtelfinalisten. Das 2:0 sah aus wie eine Kombination, die über mehrere Spieler flüssig lief, wie richtiger Fußball! Vor der WM hatten die Russen zuletzt im Herbst 2017 gewonnen. 

Und jetzt: 8:1 Tore. Tscheryschew traf bisher genauso häufig wie Cristiano Ronaldo. Schon jetzt haben die Russen mehr Tore als bei jeder anderen WM geschossen. Bald werden sie zum ersten Mal in ein K.-o.-Spiel gehen. Wir erleben die Geburt einer Turniermannschaft.

Umkippende Bierbänke

Es wird aber auch Zeit. Während des ersten Spiels verkündete der Ministerpräsident Dmitri Medwedew die härtesten Einschnitte seit der Jelzin-Zeit. Fünf Jahre länger müssen die Russen nun vor der Rente arbeiten, für die Russinnen wurde das Renteneintrittsalter um acht Jahre erhöht. Die Mehrwertsteuer erhöht sich von 18 auf 20 Prozent. Das Eröffnungsspiel ging 5:0 für das Nationalteam aus, die Bevölkerung verlor aber mindestens 0:3. Der russische Sommer verzögerte sich.

Doch nun ist er da. Nach diesem Gruppenspiel stelle ich mir eine andere, eine schönere Geschichte für die Russen vor. Eine, die wir kennen. Ich weiß noch, wo ich am 14. Juni 2006 war. Nicht in Dortmund, wo Deutschland gegen Polen gewann.

Ich war auf einem Campingplatz am Gardasee. Mein Vater hatte über dem Fernseher einen Pavillon aufgestellt, der, je länger das Spiel dauerte, immer voller wurde. Alle strömten herbei. Eine Bierbank wackelte beim Lauf von Odonkor, beim Tor von Neuville kippte sie. Ich stelle mir vor, dass Tausende Russen spätestens beim Tor von Dsjuba einen ähnlichen Abend hatten. Im eigenen Land ins WM-Achtelfinale. Im Sommer ihres Lebens.