32 Mannschaften treten bei der Fußballweltmeisterschaft an. Für jede hat eine Redakteurin oder ein Autor von ZEIT ONLINE oder DIE ZEIT die Patenschaft übernommen. Unsere WM-Paten begleiten ihr Team durchs Turnier und schreiben persönliche Spielberichte. Vor dem Anpfiff haben sie ihre Jungs porträtiert. Hier: Russland.

Als Stanislaw Tschertschessow kürzlich in einem Dresdner Kino gefragt wurde, wie sein Blutdruck derzeit sei, antwortete er: Höchstens 120 zu 80, ein optimaler Wert, wie jeder Mediziner wisse. Der frühere Torhüter war Geburtstagsgast seines alten Vereins Dynamo Dresden. Ein entspannter Trainer der Russen, das allein ist angesichts des Zustands, in dem sich der russische Fußball befindet, schon eine gute Nachricht.

Tschertschessow, das ist mein Mann. Er und ich, wir werden in den kommenden Tagen gegen alle Nörgler ankämpfen. Gegen die, die sagen werden, dass Russland noch nie über die Vorrunde hinaus kam. Gegen alle, die mit der Fifa-Weltrangliste kommen, in der Russland nach den beiden abschließenden traurigen Vorbereitungsspielen noch weiter abgerutscht ist: auf Rang 70. Länder, die nun vor uns stehen: Burkina Faso, Guinea, Kap Verde. Egal.   

Der Trainer und ich, wir haben vier Prozent der Russen hinter uns: So viele glauben an den WM-Titel. Sie werden sehen: In zwei Wochen hat sich diese Zahl verzehnfacht. Ach was, man wird die Zuversicht nicht mehr messen können.  

Lew! Jaschin!

Zu glorreich waren die bisherigen Fußballepochen. Wir hatten Lew Jaschin, unseren Neuer. Die Fifa kürte ihn 1998 posthum zum besten Torhüter des Jahrhunderts. Sein Spiel war der ästhetische Vorgriff auf den deutschen Keeper. Wer jetzt davon spricht, Neuer revolutioniere das Torwartspiel, der sollte sich alte Jaschin-Aufnahmen besorgen. Für ihn war der Strafraum nur eine grobe Orientierung.

Außerdem, und das zeichnet ihn besonders aus, war er Raucher und Trinker. Jaschin fliegt als offizielles WM-Logo derzeit um die Welt, kein anderes Land vergöttert seine Torhüter so sehr wie wir. Die letzten Männer auf dem Feld wurden nicht erst im Kalten Krieg zu Symbolfiguren gegen ausländische Aggressoren. Europameister 1960, WM-Vierter 1966. Man merkt schon: Der russische Fußball war konkurrenzfähig, obwohl er einige Spieler zur Strafe ins Gulag schickte.

Die WM 1994 hätte alles gehabt

Das zeigte sich noch mal am Ende der Achtziger. Die UdSSR wurde 1988 Olympiasieger, das EM-Finale im gleichen Jahr ging nur knapp und auch wegen des Jahrhundertvolleytors von Marco van Basten 0:2 verloren. Unsere Fußballgeschichte ist auch eine der verpassten Möglichkeiten.

1994 zum Beispiel, was der zweite Höhepunkt der russischen Fußballgeschichte hätte werden sollen. Wir waren nicht schlecht drauf, doch dann kamen 14 bereits vom Kapitalismus angefixte Genossen auf die Idee, das Turnier zu boykottieren, wenn es keine bessere Ausrüstung gäbe. Acht zogen wir wieder auf die richtige Seite, sechs blieben bei ihrer Boykottdrohung und wurden gesperrt. Unter ihnen Stars wie Andrei Kantschelskis von Manchester United. Wir hatten in den USA keine Chance.

Alles, was danach kam, war vernachlässigbar. Einzig 2008 rannten wir noch einmal forsch ins Halbfinale, gegen den späteren Europameister Spanien war dann aber Schluss. Und nun? Überliefert sind die Worte des Ex-Trainers Leonid Slutzkij nach dem EM-Vorrundenaus 2016: "Nach dem Turnier waren wir mit den Spielern einer Meinung: Wir sind scheiße."

Doping? Pff

Zum Glück haben wir jetzt Tschertschessow. In Dresden hat er Disziplin gelernt. Sein Schnauzbart ist schon jetzt der schönste der WM. Außerdem pariert er alle westlichen Zweifel: Doping? "Uns betrifft das nicht." Bis heute steht der gesamte Kader von 2014 unter Verdacht, auch Teile der aktuellen Mannschaft.

Doping haben wir bei dieser Gruppe doch gar nicht nötig: Saudi-Arabien, Mo Salah und Uruguay, das Achtelfinale wird es schon werden. Oder wie es Tschertschessow sagt: "Wir können erst im Halbfinale oder Finale auf Deutschland treffen. Dann bin ich der glücklichste Mensch der Welt." Er und ich, wir denken da sehr ähnlich.

Stolze Gastgeber

Interessante Figuren im Team könnten Jaschins Erbe Igor Akinfeev im Tor und der Stürmer Fedor Smolov werden. Somolov ist eine seltene Spezies, Stürmer hat Russland praktisch keine. Den Ex-Kölner Konstantin Rausch, dessen Flanken immer mal wieder im Rhein landeten und Roman Neustädter, früherer Schalker, der sich gegen Homophobie im Fußball stark macht, strich Tschertschessow vor der WM aus dem Kader. Der Verteidiger Wiktor Wassin und der Stürmer Alexander Kokorin fallen verletzt aus.

Außerdem kann man es nicht dem Trainer anlasten, dass er kaum Auswahl hat. Blickt man auf die russische Fertilitätsrate, fällt auf: Sie halbierte sich nach dem Ende der Sowjetunion, genau diese Jahrgänge fehlen nun. Erst langsam steigt die Rate wieder an. 

Vielleicht, nein ganz sicher, wird in Russland das Volk zum Star. 190 Ethnien empfangen 31 WM-Nationen. Die Russen werden stolze, freundliche Gastgeber sein. Der Slogan auf dem Teambus lautet: "Spiel mit offenem Herzen." Es könnte das wichtigste Fußballereignis des Landes mit der schlechtesten Generation an Fußballern werden. So ein Team wird alle überraschen. 

Warum wird Russland Weltmeister?

Wohl eine rhetorische Frage. Mit Erfolg bei Sportereignissen im eigenen Land sind wir bestens vertraut.

Warum vielleicht doch nicht?

Weil der Westen was dagegen hat, natürlich.

Wer kommt ganz groß raus?

Aleksey und Anton Miranchuk. Die Zwillinge von Spartak Moskau haben den Vorschlag ihrer Mutter, lieber zum Tanzen zu gehen, ignoriert. Gut so!