Die elegante Nikolakaja in Moskau verbindet den Roten Platz mit dem Lubjankaplatz, wo der russische Geheimdienst seinen Sitz hat. In dieser Straße der Luxusboutiquen und -autohäuser sammelten sich am Donnerstagabend Zigtausende Menschen, trunken, singend, selig lachend und weiß-blau-rote Flaggen schwenkend.

Vor eine Gruppe junger Männer, die auf einer Bank standen, die russische Fahne hielten und die russische Hymne anstimmten, schob sich sodann eine kleine Polonaise mit grün-weiß-roten Vuvuzelas durchs Bild. Das waren ein paar Mexikaner und Mexikanerinnen, sie tänzelten in Richtung der Argentinier, die einen anderen Teil der Straße besetzt hatten. Dazwischen Peruaner, Kolumbianer, Uruguayer. Ein fröhliches Durcheinander.

Zusammen feierten sie den Sieg Russlands im Eröffnungsspiel gegen Saudi-Arabien, zusammen feierten sie auch die WM. Für alle ist diese gemeinsame Feierei eine ganz neue Erfahrung, vor allem natürlich für die Russen, die sich kaum einen schöneren Start in dieses Turnier wünschen hätten können. Vor dem Turnier waren auch die Gastgeber skeptisch, ihre Nationalmannschaft gewann nicht oft. Doch dann überraschten die Russen die Fußballwelt und sich selbst. Fünf Tore schossen sie gegen Saudi-Arabien, und anschließend erlebte die Innenstadt von Moskau einen lateinamerikanischen Karneval, der fast Rio de Janeiro erblassen ließ.

Rund um den Kreml wird derzeit Spanisch gesprochen

Diese WM könnte einem die Laune am Fußball nehmen, zu viele politische Dinge stören sie: der Ukraine-Krieg, der Hungerstreik des politischen Häftlings Oleh Senzow, der Abschuss der MH17, das Dopingsystem, das inzwischen auch die Russen nicht mehr gänzlich leugnen. Und dann wurde dem deutschen Journalisten Hajo Seppelt, dem juristische Verwicklungen und Prügel angedroht wurden, geraten, nicht nach Russland einzureisen. Davon geht ein fatales Signal an Kritiker aus.

Doch schon in den Tagen zuvor ist in Moskau ein buntes Sportfest entstanden, das mit all dem nichts zu tun hat. Rund um den Kreml wird zurzeit Spanisch gesprochen und gesungen, bis tief in die Nacht. Was machen die eigentlich alle hier? Die spielen doch woanders, nicht in Moskau. Egal, die Jungs und Mädels aus Lateinamerika ignorierten einfach alle Debatten und verwandeln Russland in einen Folkloreabend.

Auch auf dem Weg zum Luschnikistadion, wo das Eröffnungsspiel stattfand, sah man Sombreros, groß wie Flugobjekte, die eleganten Diagonalstreifen der peruanischen Trikots und wieder viel Brasil-Gelb. Weil die Russen und die Russinnen völlig vernarrt sind in ihre internationalen Gäste, machten sie Selfies mit ihnen, verbrüderten und verschwisterten sich. Die Polizisten, von denen Tausende das Event sicherten, ließen ihre Pferde streicheln.

Eine Rede auf den Frieden und die Gastfreundschaft

Das Publikum im Stadion ließ sich von der allgemeinen Stimmung anstecken. Robbie Williams wurde gefeiert. Er sang vier Hits auf der Eröffnungsfeier, bei der viele rote und grüne Männchen auf dem Rasen hüpften. Apropos grüne Männchen, einen großen Applaus erhält natürlich Wladimir Putin, der eine Rede auf den Frieden und die Gastfreundschaft hielt. Aber auch der Fifa-Präsident Gianni Infantino wird sehr warm empfangen, wie wohl sonst in keinem anderen Land. Aber wir leben ja in einer freien Welt.

Sobald sich die russischen Fußballer dem Strafraum näherten, wurde es richtig laut, und es dauerte keine fünf Minuten, da lief La Ola, die mexikanische Welle, durchs Stadion. Die gilt war zwar als etwas altbacken, aber sie verhinderte zumindest nicht das frühe Tor durch Juri Gasinski. Der kantige Mittelfeldspieler, geboren in Komsomolsk, weit östlicher als die Mongolei und Peking gelegen, gar nicht weit entfernt von Japan, wurde also zum ersten Torschützen dieses Turniers.

Es folgten Denis Tscheryschew, der zwei Mal traf, obwohl er erst eingewechselt wurde, und Artjom Dsjuba, gegen den die Schultern von Mario Gomez wie die eines Hänflings wirken. Zum Abschluss drehte Alexander Golowin, einer der Jüngsten im Kader, bei einem Freistoß den Ball um die Mauer.

5:0. Fünf Tore in Moskau! Das hätten viele Russen und Russinnen ihrem Team nicht zugetraut. Zwar ging es nur gegen Saudi-Arabien. So entschied das Los, das manche eine glückliche Fügung für Russland nennen. Einen leichteren Gegner hätten sie kaum bekommen können. Mehrfach spielte der eine Verteidiger der Saudis beim Versuch, den anderen anzuspielen, ins Aus. Technisch mögen sie gar nicht so schlecht gewesen sein. Doch es war ein Duell Leicht- gegen Mittelgewicht, da gewinnt nie der Leichtere.