ZEIT ONLINE: Herr Stoffelshaus, wie ist Ihr Eindruck von den Spielen mit der russischen Mannschaft?

Erik Stoffelshaus: Durchaus positiv!

ZEIT ONLINE: Was überrascht Sie an der Leistung der Russen?

Stoffelshaus: Die ersten beiden Spiele hat die russische Nationalmannschaft sehr souverän und auch in der Höhe verdient gewonnen. Dabei hat die russische Mannschaft richtig guten Fußball gespielt und das Publikum vor Ort begeistert. Was ich aber ebenfalls bemerkenswert fand: Bei einem 5:0-Sieg bin ich begeistert, euphorisch. Hier aber fragten die Leute: Waren wir so gut oder waren die so schlecht?

Erik Stoffelshaus, Sportdirektor bei Lokomotive Moskau ©Lokomotive Moskau

ZEIT ONLINE: Woher das anfängliche Misstrauen?

Stoffelshaus: Lässt man die letzten Weltmeisterschaften Revue passieren, gab es am Ende eine Geschichte des Gastgebers, der euphorisiert hat. Ob es tragisch geendet ist wie in Brasilien im Halbfinale, ob es das Sommermärchen in Deutschland war 2006, ob 2002 in Südkorea oder 1998 in Frankreich, die Weltmeister geworden sind – immer gibt es eine kleine heroische Geschichte. Ich glaube, die Russen hatten Angst, dass sie keine Geschichte zu schreiben hätten für ihre WM. Also hat man sich zunächst in Enttäuschtsein und Skepsis geübt, bis die russische Mannschaft das Misstrauen widerlegt hat.

ZEIT ONLINE: Sie sind vor anderthalb Jahren aus Toronto gekommen und wurden Sportdirektor von Lokomotive. Was fiel Ihnen am russischen Fußball auf?

Stoffelshaus: Mir wird oft die Frage gestellt, ob Russland ein Fußballland ist. Meine Antwort lautet immer noch: ja.

ZEIT ONLINE: Aber?

Stoffelshaus: Im Dezember 2016 wollte ich erstmals einen Eindruck von dem Club bekommen. Ich kam nach Moskau, sah das Stadion mit der Dampflok davor, was mich ein bisschen an Schalke erinnert hat. Wenn man bei Schalke das Flutlicht anmacht, ist das Stadion voll. Immer ausverkauft. Und hier waren 5.000 von 30.000 Plätzen belegt. Beim Heimspiel! In der ersten Liga! Das deprimiert mich als Fußballenthusiasten. In einer 15-Millionen-Stadt muss es doch mehr Leute geben, die ein solches Spiel interessant finden!

ZEIT ONLINE: Woher kommt das Desinteresse?

Stoffelshaus: Das habe ich mich auch gefragt. Eine der vielen Antworten, die ich bekam, lautete, dass es in Moskau viele Möglichkeiten gebe, etwas zu unternehmen, Theater, Restaurants, Konzerte. Das stimmt, aber in München oder Hamburg schafft man es doch auch, die Stadien vollzukriegen! In Chabarowsk kamen bei unserem Spiel 4.000 Zuschauer. Das ist für mich niederschmetternd.

ZEIT ONLINE: Vielleicht wird der Fußball eher als Unterhaltung verstanden?

Stoffelshaus: Man erlebt hier Fußball tatsächlich anders. In Deutschland ist es so: Wenn man einen Fußballverein unterstützt, dann mit Leib und Seele. Wenn der absteigt, dann steigt man mit ab. Wenn der die Meisterschaft gewinnt, dann feiert man mit. Hier kommt mir alles ein wenig distanzierter vor. Man wartet lieber ab, wie das Spiel ausgeht, was es zu sehen gibt, bevor man sich entscheidet, einen Club zu unterstützen.

ZEIT ONLINE: Es gibt ein Grundmisstrauen?

Stoffelshaus: Ich würde es eher Skepsis nennen. Mein Vater zum Beispiel hatte, solange ich denken kann, eine Dauerkarte für den MSV Duisburg. Der Club spielte 1979 im Uefa-Cup-Halbfinale und stieg 1986 in die dritte Liga ab. Aber deshalb den Verein zu wechseln? Das gibt es nicht! Man kriegt diese Liebe in die Wiege gelegt und ist dem Verein treu. Weint, bricht zusammen, bleibt. Ich glaube, das ist in Russland anders. Diese unbedingte Leidenschaft habe ich noch nicht gespürt.

ZEIT ONLINE: Kaum waren Sie angekommen, wurde Lokomotive russischer Meister. Hat das etwas verändert?

Stoffelshaus: Genau das ist der Punkt. Als wir auf dem Weg waren, die Meisterschaft zu gewinnen, wuchs die Bereitschaft, den Verein zu unterstützen. Ich habe trotz allem die Befürchtung, dass die Menschen in die Stadien kommen, wenn der Erfolg da ist, aber dass sie wegbleiben, wenn der Erfolg ausbleibt. Unser Präsident des Clubs versucht, Spieltage rund um das Stadion interessanter zu gestalten. Wir haben neue LED-Screens im Stadion, wir haben Livebands vor den Spielen, Food-Courts und Kinder- beziehungsweise Familienbereiche vor dem Stadion. Ich hoffe, dass diese Maßnahmen in den nächsten ein bis zwei Jahren Früchte tragen, auch wenn wir jetzt schon 14.000 Zuschauer im Schnitt bei den Spielen hatten.

ZEIT ONLINE: Verdrängen Sie damit nicht die echten Fans, wenn Sie Fußball zur Familienunterhaltung machen?

Stoffelshaus: Für alle Fangruppierungen ist genug Platz. Deshalb wollen wir die Leute aus dem Nordosten der Stadt anziehen und ihnen zeigen: Hier ist euer Fußballclub. Der spielt für euch. Bis sie diese Verbindung wirklich fühlen, dauert es vielleicht viele, viele Jahre.

ZEIT ONLINE: Was fiel Ihnen noch am russischen Fußball auf?

Stoffelshaus: Im russischen Fußball wird oftmals zu viel Geld auf dem Transfermarkt ausgegeben. Lokomotive hat gemessen an Spartak oder Zenit ein kleineres Budget. Wir wollen auch nicht als ein Verein wahrgenommen werden, der unsinnig Kohle raushaut, nur um zu zeigen: Schaut her, wir haben einen Picasso an der Wand hängen. Wir können uns das gar nicht leisten, da wir von der Uefa wegen des Financial Fairplay unter Beobachtung stehen, weil in der Vergangenheit nicht gut gewirtschaftet wurde. Als ich hier ankam, war klar, dass wir kein Transferbudget haben und Gehälter kürzen müssen.

ZEIT ONLINE: Es gilt: Was nichts kostet, ist nichts wert?

Stoffelshaus: Zumindest werden aus Budgetsicht verhältnismäßig kleine Transfers skeptisch betrachtet. Das habe ich gleich zu Beginn beim Transfer von Jefferson Farfán gemerkt. Er ist ein überragender Spieler, eine Attraktion auf dem Feld, aber als er von Schalke zu Al-Jazira wechselte, wurde er bereits abgeschrieben. Er war keine heiße Aktie mehr, aber ich kannte seine Qualitäten. Wir brauchten Tore, wir brauchten Offensivstärke, hatten aber kein Geld. Das ist eigentlich eine unlösbare Situation. Jefferson erschien mir eine gute Entscheidung. Ich weiß, wie er tickt. Ich fragte ihn nach seinen Zielen und er wollte zurück auf die internationale Bühne, es allen zeigen. Außer dem Präsidenten und einigen wenigen hielten die meisten diesen Transfer für keine gute Idee. Viele hielten Jefferson für einen abgehalfterten Profi, der billig zu haben war; es fiel ja nicht mal eine Ablösesumme an. Für mich war es von Vorteil, dass ich die Kommentare in den russischen Zeitungen nicht lesen konnte.

ZEIT ONLINE: Mit dieser Ideologie, aufs Geld zu achten, stehen Sie ziemlich alleine da, oder?

Stoffelshaus: Ich habe auch schon früher versucht, die besten Spieler für möglichst wenig Geld zu bekommen, solides Geschäftsgebaren ist immer noch das A und O in meiner Position. Die Ablösesummen, die teilweise im russischen Bereich bezahlt werden, sind abstrus.

ZEIT ONLINE: Warum werden dann so hohe Summen bezahlt?

Stoffelshaus: Durch die Legionärsregelung fünf plus sechs – mindestens fünf russische Spieler auf dem Platz – hat man zwei Märkte geschaffen: einen internationalen und einen russischen. Der Pool der russischen Spieler ist kleiner, der Marktwert der Russen ist exorbitant höher, die Transfersummen sind größer. Müssten sich die russischen Spieler mit den europäischen messen, dann wären die Ablösesummen und Gehälter im Allgemeinen geringer.

ZEIT ONLINE: Sie sind nicht bereit, diese Summe zu zahlen?

Stoffelshaus: Ich bin ein Kind der Bundesliga. Ich muss mir erst anschauen, wie stark die Liga ist, und dann, wie stark die Spieler sind. Und dann muss ich eine Benchmark setzen. Ich kenne die Gehälter in Europa, höre aber von Agenten Gehaltsforderungen, die viel höher liegen als die marktüblichen Gehälter. Es heißt dann oft: "Aber der Spieler geht nach Russland!" Für mich ist das kein Argument. Ein Spieler, der zu uns wechseln möchte, muss sich vorstellen können, bei gewöhnungsbedürftigen Temperaturen und Bodenverhältnissen zu spielen. Im November spielten wir in Chabarowsk. Der Flug dauert acht Stunden, wir legten sieben Zeitzonen zurück, es herrschten minus 15 Grad. Für Jefferson, der von Moskau zum Länderspiel nach Peru flog, dann wieder nach Moskau zurück, und dann nach Chabarowsk, war das natürlich hart. Generell merkt man in den Gesprächen mit potenziellen Kandidaten sehr schnell, ob sie sich auf die Liga einlassen wollen. Da ist dann von einem "Russland-Aufschlag" keine Rede.

ZEIT ONLINE: Wird diese WM den Fußball in Russland verändern?

Stoffelshaus: Wir haben Spiele gehabt wie in Jekaterinburg, wo der Boden im März und im alten Stadion eine absolute Katastrophe war. Insofern freue ich mich, wenn Russland versucht, eine Infrastruktur aufzubauen und neue Stadien entstehen, die die Qualität des Spiels verbessern können.

ZEIT ONLINE: Aber?

Stoffelshaus: Die Frage der Nachhaltigkeit ist immer existent nach großen Turnieren. Es gibt hier lange Winter, und ich habe mich sofort gefragt, warum dann neue Stadien ohne Dach gebaut werden. Oder: Städte mit kleineren Vereinen haben nun Riesenstadien – wie können sie die nutzen, wenn nicht gespielt wird? Deshalb denke ich, dass die Stadien in Samara, Rostow oder Kaliningrad künftig überdimensioniert sein werden.

ZEIT ONLINE: Sie beklagen die fehlende Nachhaltigkeit im russischen Fußball.

Stoffelshaus: Das zeigt sich vor allem in der Nachwuchsförderung. Dem russischen Fußball fehlen bis auf wenige Ausnahmen die Toptalente im unteren Altersbereich. Als ich 2017 nach Russland kam, habe ich die Klagen gehört, dass sie keine jungen Spieler hätten. Und je näher die WM rückte, desto größer wurde die Panik. Grundsätzlich fehlt es an Konzepten und Geduld, diese umzusetzen. Ich sagte, wir brauchen ein gutes Nachwuchskonzept. Das umzusetzen, dauert sieben bis zehn Jahre. Das war allen viel zu lang! Damit der russische Fußball in Zukunft konkurrenzfähig ist, braucht es aber Spielerentwicklung, Trainerentwicklung, Ligenentwicklung. Die Weltmeisterschaft hätte eine riesige Chance sein können. Wenn ich schon bereit bin, 250 Millionen in ein Stadion zu investieren, warum kann ich dann nicht in den Spielorten Sportakademien errichten, um den Nachwuchsfußball in Russland weiterzuentwickeln?

ZEIT ONLINE: Nun heißt es, nach der WM werde sich alles ändern. Wird die Weltmeisterschaft zum Wendepunkt?

Stoffelshaus: Das kommt darauf an, wie dieses Momentum nach der WM genutzt wird. Russland wird vermutlich nicht Weltmeister, aber man kann den Schwung des Events für Veränderungen nutzen. Der positive Effekt der WM kann aber auch verpuffen, wenn man nicht gleich danach loslegt. Dann wären die Stadien vermutlich das einzige Vermächtnis, was bleibt.

ZEIT ONLINE: Ihr Tipp, wie weit die Russen kommen?

Stoffelshaus: Ich bin mit Prognosen immer äußerst vorsichtig, allerdings trifft Russland in der nächsten Runde mit Spanien auf einen vermeintlich übermächtigen Gegner. In der K.-o.-Phase ist aber generell immer alles möglich.

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Interviews, die bereits am Sonntagnachmittag veröffentlicht wurde, hieß es, Südkorea sei 2002 im Viertelfinale an Spanien im Elfmeterschießen gescheitert. Das stimmt nicht, Südkorea scheiterte im Halbfinale an Deutschland. Wir bitten den Fehler, für den die Redaktion und nicht Herr Stoffelshaus verantwortlich ist, zu entschuldigen.