32 Mannschaften treten bei der Fußballweltmeisterschaft an. Für jede hat ein Redakteur oder Autor von ZEIT ONLINE oder DIE ZEIT die Patenschaft übernommen. Unsere WM-Paten begleiten ihr Team durchs Turnier und schreiben persönliche Spielberichte. Vor dem Anpfiff haben sie ihre Jungs porträtiert. Hier: Saudi-Arabien.

Ob Saudi-Arabien mit Stars punkten kann?
Nein.
Aber wenn es darauf ankommt, wächst das Team gerade deswegen – Einer für alle und alle für einen – über sich hinaus?
Auch nein.

Zumindest nicht in letzter Zeit. Die Fifa führt den Wüstenstaat momentan auf Platz 67 ihrer Weltrangliste, abgeschlagen hinter Burkina Faso und Kap Verde. Kaum ein Kader ist derart low-budget – lediglich 19 Millionen Euro müsste aus der Portokasse fingern, wer mit einem Schlag die Mannschaft aufkaufen will, die der saudische Trainer Juan Antonio Pizzi für das Turnier nominiert hat. Selbst den Bundesliga-Zweitligisten aus Ingolstadt, das nicht gerade für seine Ölquellen berühmt ist, stecken einige Millionen mehr Marktwert in den Knochen.

Spielfeldrand-Philosophen mögen zwar Recht haben mit ihrem Aphorismus, dass Geld keine Tore schießt. Doch machen wir uns nichts vor: durchschnittliche Spieler, für die niemand tief in die Tasche greifen will, auch nicht – kein Wunder, dass die Saudis mit dieser Ausgangslage in den letzten zehn Jahren elf Trainer verschlissen haben. Der Niederländer Bert van Marwijk etwa schmiss hin, weil seine Motivation nicht für den eingeforderten Umzug auf die arabische Halbinsel ausreichte, wo er mehr Zeit mit den Spielern hätte verbringen können als per Videoschalte von Europa aus. Nun soll es Pizzi auf der Trainerbank richten, der sich für diesen Job qualifizierte, weil er letztes Jahr das chilenische Nationalteam abgewirtschaftet hat, und womöglich also wird es für die "grünen Falken" laufen, wie bei den letzten Weltmeisterschaften: Drei Spiele, viele Gegentore (man denke etwa an das historische 0:8 gegen Deutschland vor 16 Jahren), und dann bye-bye!

Allerdings zeigten sich die Saudis zuletzt durchaus kreativ, um den Vorrundengegnern Uruguay, Ägypten und Gastgeber Russland, gegen den sie am Donnerstag das Eröffnungsspiel bestreiten, einige Punkte wegzugrabbeln. Der Fußballverband flog extra die Moderatorenlegende Oliver Kahn ein, der für ein stattliches Salär den saudischen Keeper Yasser Al Mosailem trainierte und im Land nun eine Torwart-Akademie aufbaut. Mit Manchester United wurde eine "strategische Partnerschaft" vereinbart (was auch immer das heißen soll). Und neun saudische Spieler wurden gar an spanische Clubs verliehen, um ihnen Spielpraxis zu verschaffen, ein Deal, durch den sich die spanische Liga wiederum Anteile auf dem arabischen Markt erhofft. Der Bürstenfrisurträger Fahad Al-Muwallad etwa, der sich "Lionel Messi von Saudi Arabien" nennen lässt und den Sturm der Nationalmannschaft koordiniert, trug daher die letzten Monate das Trikot des Erstligisten UD Levante aus Valencia.

Es scheint also vielleicht doch noch einmal möglich, was den Saudis 1994 gelang, als sie an Belgien und Marokko vorbei stürmten und erst im Achtelfinale in den starken Schweden ihre Meister fanden. Bis heute gilt als legendär, wie der als "Wüsten-Maradona" berühmt gewordene Saudi-Stürmer Said al-Uwairan damals in einem 70-Meter-Sprint vier Gegner ausspielte für sein Siegtor gegen Belgien.

Ach, sähe man von den Saudis einen solchen Spielzug, wie ihn sich wohl jeder 10-Jährige schon einmal ausgemalt hat, der jemals mit Plastikball auf das elterliche Garagentor zugedribbelt ist, doch auch wieder in Russland!

Aber kann man überhaupt einer Mannschaft die Daumen drücken, deren sportlicher Erfolg letztlich einer brutalen Diktatur das Image aufmöbeln würde, die Homosexuelle gerne mal zu 7.000 Peitschenhieben verurteilt? Für den Kronprinzen Mohammed bin Salman jedenfalls, der sein Land als modern und erfolgreich annonciert, passt die erste saudische WM-Teilnahme seit 2006 hervorragend zur Behauptung, er betreibe eine Reformpolitik. Zwar dürfen Frauen mittlerweile tatsächlich auf der Zuschauertribüne saudischer Fußballstadien Platz nehmen und hinter dem Lenkrad im Auto – jahrzehntelang undenkbar. Dass 2018 aber alleine zwischen Januar und Mai mindestens 48 Menschen hingerichtet und diverse Frauenrechtlerinnen kürzlich verhaftet wurden, stört die Investoren dann schon nicht mehr groß, die das saudische Regime umschmeichelt, da es wirtschaftlich unabhängiger vom Öl werden will.

Der ehemalige DFB-Präsident Reinhard Rauball rechtfertigte die finanziell lukrativen Testspiele in und mit Saudi-Arabien mal mit der Binse, dass Menschenrechte nicht vom Himmel fielen, "indem man bestimmte Länder ignoriert und nicht mehr besucht". Man mag einwenden: Durch fröhliches Gekicke, während auf saudischen Marktplätzen Frauen wegen "Hexerei" geköpft werden, aber vermutlich auch nicht. Jedoch: Fußball ist nun mal Fußball und Politik ist Politik, da sind sich Funktionäre, Halbzeitkommentatoren und Hooligans ausnahmsweise einmal einig.

Warum wird Saudi-Arabien Weltmeister?

Fußballfans mögen Überraschungen und man tue ihnen doch bitte den Gefallen.

Warum vielleicht doch nicht?

Weil noch 31 andere Mannschaften antreten.

Wer kommt ganz groß raus?

Groß rauskommen wird bei den Saudis bald hoffentlich die Feministin Loujain al-Hathloul, und zwar aus dem Gefängnis, in das der Kronprinz sie vor zwei Wochen wegen ihres Engagements für Frauenrechte gesperrt hat.