32 Mannschaften treten bei der Fußballweltmeisterschaft an. Für jede hat eine Redakteurin oder ein Autor von ZEIT ONLINE oder DIE ZEIT die Patenschaft übernommen. Unsere WM-Paten begleiten ihr Team durchs Turnier und schreiben persönliche Spielberichte. Vor dem Anpfiff haben sie ihre Jungs porträtiert. Hier: Serbien.

Qualitätsfußball ist nicht das, was man zurzeit mit der Nationalmannschaft Serbiens verbindet. Es sind mehr die zweifelhaften Begleitgeräusche, die das Image der Fußballnation prägen. Leider, denn es ist noch gar nicht so lang her, dass in der Gegend erstklassiger Fußball gespielt wurde. Bis zur großen Zäsur, dem Bürgerkrieg, der 1991 ausbrach. 

Die Mannschaften Jugoslawiens waren stets ein anerkannter, technisch meist auf hohem Niveau spielender Gegner. Noch zur WM 1990 hatte sich Jugoslawien souverän qualifiziert, unter anderem gegen Frankreich. Es ging dann bis ins Viertelfinale, in dem die Jugoslawen als besseres Team gegen Argentinien unglücklich im Elfmeterschießen ausschieden. Unvergessen blieb auch der Sieg von Roter Stern Belgrad 1991 im Europapokal der Landesmeister. Doch noch im selben Jahr brach der Jugoslawienkrieg aus, der zum Ausschluss des Landes von der EM 1992 in Schweden führte.

Der Vielvölkerstaat fiel auseinander und mit ihm eine der weltbesten Mannschaften ihrer Zeit. Seit 2006 spielt Serbien als Nachfolger Jugoslawiens international als eigenes Team – und dieses Serbien spielt denkbar schlecht und erfolglos. Daran hat auch ein kurzes Zwischenhoch von 2008 bis 2010 nichts geändert, das der Nationalmannschaft unter dem Trainer Radomir Antić die Qualifikation für die WM in Südafrika bescherte. Die Serben schieden bereits in der Vorrunde aus, trotz eines 1:0-Sieges gegen das von Joachim Löw trainierte Deutschland. Serbiens Fußball hat sich vom Zerfall Jugoslawiens und dessen Folgen nicht erholt. Ganz im Gegensatz zum ehemaligen jugoslawischen Nachbarn und Kriegsgegner Kroatien übrigens, das sich schnell als technisch beschlagenes Team international einen Namen machte.

Der Pate hat das Team auch deshalb gewählt, weil er auf die großen fußballerischen Traditionen der Region setzt und hofft, dass Serbiens Kicker sich endlich freispielen können vom miserablen Image, das ihnen anhaftet. Denn es sind im Falle Serbiens noch ganz andere Paten im Spiel. Aus den Zeiten der kommunistischen Einparteienherrschaft haben sich bis heute Strukturen gehalten, unter denen die Politik auf ungesunde Weise im Fußball mitmischt. Im Extremfall wie beim im Jahr 2000 ermordeten Mafiosi und Kriegsverbrecher Željko Ražnatović, genannt Arkan, der einen kleinen Zweitligaverein in die Champions League geführt hatte und ein Anführer der gefürchteten Hooligans von Roter Stern Belgrad war.

Überhaupt, die Fans: Serbiens Hooliganszene ist nicht nur extrem gewaltbereit, sie tritt häufig auch nationalistisch und rassistisch in Erscheinung und soll zudem mit der Drogenmafia verbandelt sein. Wenn in Europa bestimmte serbische Mannschaften aufspielen, herrscht Alarmstimmung, und selbst die serbischen Nationalspieler haben Angst vor ihren Hooligans. Gedeckt werden die Gewaltfans zu Hause nicht selten von politischen Funktionsträgern in Vereinen und Verbänden. Wegen gewalttätiger Zwischenfälle und rassistischer Beschimpfungen durch Hooligans drohte die Uefa Serbien vergangenes Jahr sogar mit einem Europapokalausschluss.

Damit nicht genug, klagen Fußballer in Serbien über die schlechte Zahlungsmoral ihrer Vereine, jeder zweite Profi zieht wegen eines fehlenden Gehalts vor Gericht. Dazu sollen Spiele in Serbiens Ligen häufig manipuliert sein.

Das ist alles nicht schön, weshalb eine erfolgreiche Russland-WM das Image etwas aufbessern könnte. Die Nationalmannschaft trainiert heute Mladen Krstajić, der von 2000 bis 2009 in der Bundesliga gespielt hat. Zudem sind drei Bundesligisten im Kader: Miloš Veljković (Werder Bremen), Luka Jović (Eintracht Frankfurt) und Filip Kostić vom Zweitligisten HSV. Der Kern des Teams ist eher alt: der Kapitän Branislav Ivanović ist 33, der Außenspieler Aleksandar Kolarov 32 und der Torwart Vladimir Stojković 34 Jahre alt. Doch  möglicherweise können sie zusammen mit Serbiens Nachwuchs eine neue Fußballära einläuten, denn ihre U20 ist 2015 Weltmeister geworden. Deren Spieler dürften jetzt gerade in das richtige Alter kommen.

Warum wird dieses Team Weltmeister?

Weil wir seit der EM 2016 wissen, dass die Underdogs Turniere rocken. Die Serben ziehen das voll durch und der HSV-Zweitligist Kostić schießt im Endspiel das Siegtor.

Warum vielleicht doch nicht?

Weil sie zwar die Vorrunde überstehen, aber im Viertelfinale auf Deutschland treffen. 

Wer kommt ganz groß raus?

Ganz klar: der Mittelfeldspieler Sergej Milinković-Savić von Lazio Rom. Der 23-Jährige ist ein robuster Allrounder. Manchester United und Real Madrid wollten ihn bereits haben.