32 Mannschaften treten bei der Fußball-Weltmeisterschaft an. Für jede hat eine Redakteurin oder ein Autor von ZEIT ONLINE oder DIE ZEIT die Patenschaft übernommen. Unsere WM-Paten begleiten ihr Team durchs Turnier und schreiben persönliche Spielberichte. Vor dem Anpfiff haben sie ihre Jungs porträtiert. Hier: Spanien.

Die rote Furie, wie die spanische Nationalmannschaft lange genannt wurde, zeigte sich schon mit vielen Gesichtern. Neu hinzu kam am Mittwoch die Glatze und das kantige Gesicht von Luis Rubiales, dem spanischen Verbandschef. Der verkündete etwas, das es in der Geschichte der Federación noch nie gegeben hat: "Wir danken Julen sehr, aber wir müssen ihn entlassen." Zwei Tage vor dem ersten WM-Spiel gegen Portugal wurde Nationaltrainer Julen Lopetegui rausgeworfen. Weil der sich für die Zeit nach der WM jemandem anderes versprochen hat: Real Madrid. Das war am Tag zuvor bekannt geworden. Lopetegui hatte erst vor wenigen Wochen mit dem Verband bis 2020 verlängert.       

Nun also eine Trennung mit Anlauf? Ein anderes Team soll wichtiger sein? Nicht mit der roten Furie!

Kompromisse ist sie noch nie eingegangen, vor allem früher nicht. Regelmäßig tobte sie erbarmungslos durch die Turniere, Weltmeisterschaften, Europameisterschaften, um am Ende doch ohne ersehnten Pokal dazustehen. Spaniens Nationalmannschaft war ein Sinnbild des tragischen Scheiterns.

Bis sich eine Gruppe von Jünglingen ihrer erbarmte. Junge Männer, die sie nicht mit ihrem Charme bezirzten, sondern mit ihren Füßen. Die Ballstafetten spielten wie Sonaten. Feingeistig und gefühlvoll. Die Passmeister zähmten die Furie mit ihren Füßen, nahmen ihr die Wildheit und machten sie für viele Jahre zur Ballkönigin unter den Nationalmannschaften dieser Welt.

Die Namen dieser Männer sind bekannt, ihr Platz in der Historie dieses Sports sicher. Xavi und Iniesta, Xabi Alonso, David Villa, Gerard Piqué. Sie prägten eine Epoche. Nicht nur der Erfolge wegen. Europameister (2008). Weltmeister (2010). Europameister (2012). Das hatte es noch nie gegeben. Kaum minder neu war die Art und Weise. Fußball, das einzige Spiel, bei dem der Bessere nicht zwangsläufig gewinnt, war in seinen Grundfesten erschüttert. Schönheit siegte plötzlich gegen Kraftmeierei.

Man könnte es ja auch so sehen: Wenn ein Team keinen Trainer braucht, dann die Spanier. Sergio Ramos ist der inoffizielle Boss in Madrid, dem Champions-League-Triplesieger, Piqué der elegante Wortführer aus Barcelona. Und dann ist da ja noch Andrés Iniesta. Er hat so viel erlebt und versteht das Spiel so gut, dass er vielleicht manchen Trainerkollegen der WM-Teams einiges voraushat. Geboren in der La Mancha, dem Land von Don Quijote, ist er der ewig trist dreinblickende Melancholiker, der jetzt noch trister dreinblickt nach Lopeteguis Aus. Er rafft sich noch einmal auf für einen letzten Akt. Sein Haar ist grau, der Körper 34 Jahre alt, aber das Gespür für Takt und Ball steht noch treu an seiner Seite wie Sancho Panza.

Schmächtige Hemden wie Xavi und Iniesta wurden zum Leitbild erhoben. Männer ohne Muskeln, dafür mit Gefühl. Aus den Jünglingen sind inzwischen Greise geworden. Abgesehen von Iniesta, Piqué und zwei, drei anderen haben sie sich in den Ruhestand verabschiedet und schauen ihren Nachfolgern in Russland nun auf die Füße.

Die neue Generation um Isco, Marco Asensio, David de Gea und Dani Carvajal ist talentiert. Alles vortreffliche Burschen, nur eben nun ohne einen Trainer, der sich um sie kümmert. Lopetegui war ein Förderer der Jugend. Fernando Hierro folgt nun auf ihn. Der Sportdirektor ist ein altes Schlachtross. Ein Name wie sein Spielstil früher. Hierro, Eisen. Einer, der die rote Furie prägte.

Gleich der Auftakt verspricht Dramatik. Clásico Ibérico gegen den sportlich ungeliebten Nachbarn Portugal mit dem nicht nur sportlich ungeliebten Cristiano Ronaldo. Im Viertelfinale könnten die Argentinier warten, die man zuletzt im März beim Test mit 6:1 demütigte. Im Halbfinale dann die Deutschen. Die Treppen zum Erfolg sind mit Öl gebohnert. Und hinter jeder Ecke wartet die rote Furie darauf, die Jünglinge ins Verderben zu stoßen.

Warum wird dieses Team Weltmeister?

Weil es der perfekte Karriereabschluss für Andrés Iniesta in der Nationalmannschaft wäre.

Warum vielleicht doch nicht?

Ähm, naja, also, vielleicht weil der Trainer am Tag vor dem Turnier gehen musste.

Wer kommt ganz groß raus?

Vermutlich niemand. Abgesehen von Gerard Piqué und Sergio Busquets sind fast alle Feldspieler unter 1,80 Meter klein.