32 Mannschaften treten bei der Fußball-Weltmeisterschaft an. Für jede hat ein Redakteur oder Autor von ZEIT ONLINE oder DIE ZEIT die Patenschaft übernommen. Unsere WM-Paten begleiten ihr Team durchs Turnier und schreiben persönliche Spielberichte. Vor dem Anpfiff haben sie ihre Jungs porträtiert. Hier: Südkorea.

Endlich wieder ein vernünftiger Sport! Nicht mehr so komische Sachen wie Abfahrt, Biathlon oder nordische Kombination, für die sich die Südkoreaner bei ihrem olympischen Wintermärchen vor vier Monaten nicht recht erwärmen konnten. Mein bleibender Eindruck der Spiele von Pyeongchang: Im Zentrum des Olympic Park stand keine Eishalle, sondern das Fußballstadion des Gangwon FC – gänzlich verwaist. Jetzt wird diese leere Mitte symbolisch wieder gefüllt; Begeisterung wird das ganze Land erfassen, wenn die "roten Teufel" in der Gruppe F unter anderem auf den amtierenden Weltmeister treffen.

Europa, das vermeintliche Weltzentrum des Fußballs, schaut ja immer ein bisschen herablassend auf die asiatischen Teams: wuseln so rum und kommen nicht weit. Dabei hat die Sportart in Korea eine beeindruckende Tradition: Schon zu den Hochzeiten der Joseon-Dynastie (begründet 1392) wurde ein Spiel namens Chuk-gu praktiziert, bei dem man eine Art Fußfederball zwischen zwei Pfosten kickt. Im modernen Fußball ist Südkorea Asiens Großmacht, seit 1986 ununterbrochen WM-Teilnehmer und der erste und bislang einzige Vertreter des Kontinents, der es bis ins Halbfinale schaffte. Nun gut, damals, bei der Heim-WM 2002, hatte mancher Schiedsrichter ein verdächtig großes Herz für die Co-Gastgeber, die nacheinander Portugal, Italien und Spanien aus dem Weg räumten. Aber entscheidend war letztlich die legendäre Laufbereitschaft und taktische Disziplin, mit der die von Guus Hiddink gedrillten "Taegeuk Warriors" den europäischen Großmächten die Zähne zogen.

Auf "Tu-Hon", ihren Kampfgeist, müssen sie nun wieder setzen, auch wenn es diesmal mit dem Ex-HSVer und Ex-Leverkusener Heung Min Son (stürmt heute erstaunlich effizient für Tottenham) einen echten Superstar im Team gibt. Uli Stielike, dem deutschen Altinternationalen, Tweedsakko-Aficionado und Trainerweltenbummler, gelang es aber in der Qualifikation nur unzureichend, die Mannschaft ins Laufen zu bringen; im Sommer 2017 wurde er entlassen. Unter seinem Nachfolger Tae Yong Shin robbte sich das Team mit einem 0:0 gegen Usbekistan über die Ziellinie nach Russland. Dort müsste freilich der Himmelsgott Haemosu zu Hilfe eilen, damit die Männer mit dem Tiger auf der Brust nicht als Bettvorleger landen – Korea geht nominell als die drittschlechteste Mannschaft des Turniers an den Start, nur Saudi-Arabien und der Gastgeber sind in der aktuellen Weltrangliste noch schlechter platziert.

Die Begeisterung daheim wird das kaum schmälern. Die Koreaner gelten ja als die Italiener Asiens (oh, ein schlechtes Omen), und bei ihren Winterspielen konnte ich mich persönlich davon überzeugen, dass selbst ein Hochamt der Langeweile wie Curling sie in Ekstase versetzen kann. Damals schrien sie ihre Steine schiebende Damenmannschaft, die sagenhaften Garlic Girls, zur Silbermedaille. Sollten ihre Fußballer es gegen Schweden, Mexiko und eben Deutschland ins Achtelfinale schaffen, wäre das ein ähnliches Wunder. Wenn nicht, werden die Koreaner bei einem schönen Heißgetränk auch schnell wieder runterkommen. Denn der wahre Grund für den Mentalitätsvergleich mit Italien ist ja nicht so sehr ihre Extrovertiertheit, sondern die Kaffeebegeisterung. Am endlos langen Sandstrand der Olympiastadt Gangneung etwa reihen sich Cafés und kleine Röstereien zu einer ausgewachsenen Coffee-Meile aneinander. Dort lässt sich ein Vorrundenaus mit bester Aussicht entspannt verwinden. Und anschließend ein schönes Selfie machen – nach meiner unmaßgeblichen Privatempirie der wahre Volkssport Nummer eins.

Warum wird dieses Team Weltmeister?

Weil sich der koreanischen Mythologie zufolge Männer leicht in Vögel verwandeln können, und die sind sogar schneller als Timo Werner.

Warum vielleicht doch nicht?

Weil wir nicht in mythischen, sondern in profanen Zeiten leben.

Wer kommt ganz groß raus?

Der Haesindang Park in der Provinz Gangwon-do. Seine gut 100 Penisskulpturen waren schon bei Olympia die Lieblinge der Weltpresse und dürften auch bei Fußballfans auf reges Interesse stoßen.