Son Heung Min hat nicht mehr viele Chancen. Um es noch ins Achtelfinale zu schaffen, muss der Stürmer mit seiner Mannschaft gegen Deutschland mit zwei Toren Vorsprung gewinnen, zugleich muss Schweden gegen Mexiko verlieren. Eher unwahrscheinlich, aber es wäre wichtig für ihn. Nicht nur, weil es schön ist, das Achtelfinale einer WM zu erreichen. Sondern auch, weil Asiens Fußballer des Jahres ansonsten ab Juli 2019 für fast zwei Jahre zur Armee muss.

Alle südkoreanischen Männer müssen vor ihrem 29. Lebensjahr zum Militärdienst. 21 Monate dauert die Ausbildung bei der Armee, 23 bei der Marine und 24 bei der Luftwaffe. Nur in Ausnahmefällen können die Südkoreaner Zivildienst leisten. Son wird im nächsten Juli 27 Jahre alt, spätestens dann muss er den Wehrdienst antreten. "Eine Dienstverweigerung ist laut südkoreanischem Gesetz eine Straftat und kann mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren verurteilt werden", sagt Gabriel Dae-In Lux vom Institut für Koreastudien der FU Berlin.

Für Sportler gibt es aber einen Ausweg: Durch internationale Erfolge werden sie freigestellt. Koo Ja Cheol vom FC Augsburg gewann 2012 mit Südkorea Bronze bei den Olympischen Spielen in London. Anstatt einer zweijährigen musste er nur eine zweimonatige Grundausbildung absolvieren.

"Generell gilt jeder Medaillengewinn für Südkorea als Erfolg", sagt Gabriel Dae-In Lux. Bei den Olympischen Spielen würde schon Bronze ausreichen, um von der Wehrpflicht freigestellt zu werden, während bei den Asienspielen nur die Goldmedaille zählen würde. Es werde darüber diskutiert, ob die Spieler bei der WM in Russland nur das Achtelfinale erreichen müssen, um eine Ausnahme zu erreichen. 2007 gab es eine ähnliche Regelung: Die Baseballmannschaft wäre beim Erreichen des Halbfinales der WBC (World Baseball Classic) vom Wehrdienst befreit worden. Eindeutig formulierte Voraussetzungen gibt es aber nicht.

"Auch wenn wir von einer Befreiung von der Wehrpflicht sprechen, kann man sich dem Militär nicht komplett entziehen", sagt Lux. Koo und seine siegreichen Mitspieler wurden zwar vom aktiven Wehrdienst freigestellt, doch um dem Gleichberechtigungsprinzip gerecht zu werden, sei eine mehrwöchige militärische Grundausbildung Pflicht.

Und schon diese ist hart: "Während des fünfwöchigen Arbeitslagers, das vor der regulären Ausbildung stattfindet, werden die Wehrdienstleistenden in ein Zimmer gepfercht und dort ohne Atemschutz CS-Gas ausgesetzt", sagt Lux. Erbrechen und stechende Schmerzen auf der Haut seien die Folgen. Die Soldaten sind zudem von Familie und Freunden isoliert. Der Zugang zum Internet ist stark eingeschränkt. Außerdem müssen sie Übungen mit nacktem Oberkörper bei Minusgraden und Überlebenstraining bei zweistelligen Minusgraden in den windigen Bergen Südkoreas durchführen.