Erwischt es jetzt Thomas Müller? Gegen Schweden ließ Joachim Löw Sami Khedira und Mesut Özil auf der Bank, erstmals. Nun könnte es einen anderen treffen, der sehr viel zu den jüngeren Erfolgen des deutschen Fußballs beitrug. In ihren gemeinsamen 16 WM-Spielen hat Löw bisher immer auf Thomas Müller gesetzt, bloß bei der Niederlage im Halbfinale 2010 gegen Spanien war er gesperrt. Es war ja nie eine Frage, ob er spielt, Müller schoss 2010 und 2014 je fünf Tore. 

Thomas Müller ist vielen ein Rätsel. Sein Aufstieg verlief rasant. Noch im Frühjahr 2010 erkannte ihn Diego Maradona, der Trainer des Gegners, nicht. Kurz darauf wurde Müller WM-Torschützenkönig. 2014 war er ein Teil des so wichtigen Bayern-Kerns der Weltmeistermannschaft. Danach begann in der Nationalmannschaft ein scheinbar unerklärlicher Abschwung. Auch im Verein traf er bald weniger, in der Bundesliga 2016/17 nur fünf Mal, ein Jahr zuvor waren es noch 20 Tore gewesen. Inzwischen schießt er wieder ein paar mehr Tore, aber nicht mehr so viele wie früher.

Ein Genie in den letzten Dingen, alles andere liegt ihm nicht

Auch bei der WM hat er bislang nicht getroffen, selbst an Müllerszenen kann man sich kaum erinnern. Gegen Schweden flog sein Kopfball, nicht gerade seine Paradedisziplin, knapp am Tor vorbei. Einmal wurde er bei einem Nachsetzen von einem Gegner gestört. Nicht mal Stochern klappt im Moment. Gegen Mexiko fiel Müller gar nicht auf.

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Was ist los mit Müller? Warum trifft er nicht? Es gibt unzählige Presseartikel über ihn mit solchen Titeln. Er selbst stellte sich vor zwei Jahren in einer denkwürdigen Pressekonferenz in Évian die Frage, bei der er sein Dasein als Profifußballer beinahe grundsätzlich bezweifelte. Dabei ist gar nicht so schwer zu erklären, warum er weniger Tore schießt. Es liegt an seiner sportlichen Inselbegabung. Er ist ein Genie in den letzten Dingen, vielleicht noch den vorletzten. Alles andere aber liegt ihm gar nicht.

Dadurch ist Müller wie ein Barometer. Wenn er nicht trifft, wenn er nicht mal Chancen hat, dann stimmt was nicht mit dem Spiel seiner Mannschaft.

Man muss sich sein sportliches Profil genau anschauen. Müllers Stärken und Schwächen sind sehr einseitig verteilt. Er bringt Dinge zu Ende. Er vollstreckt, er vollzieht, effektiv. "20 Meter vorm Tor oder im Strafraum" sei sein Revier, sagt Philipp Lahm, mit dem er die größten Titel gewann. An dieses Biotop ist er hochgradig angepasst. Oft lauert er davor und stößt nach, unberechenbar, anarchisch, zickzackig. Der "Raumdeuter", wie ihn sogar englische Medien nennen, hat ein Gefühl dafür, wo ihn die Verteidiger aus den Augen verlieren, und sei es nur für einen Moment. Er läuft in deren Rücken, dann müssen sie sich entscheiden, ob sie ihn oder den Ball beobachten.

Was Müllers Sache nicht ist: dem Angriffsspiel Organisation und Struktur geben, die Substanz des Spiels erhöhen. Zur perfekten Ballmitnahme taugt er nicht und sein Passspiel im Mittelfeld ist bisweilen ulkig. Würde der Fußballer Müller Zeugnisse erhalten, wären viele Einser und Fünfer dabei, kaum Dreier.

Es stimmt eben nicht, dass Müller Tore aus dem Nichts erzielt. Ein bisschen was braucht auch er. Jeder Fußballer ist von guten Mitspielern abhängig, aber Müller besonders. Er braucht die Vorlagen und auch den Raum, den ihm andere verschaffen. Und er spielte viele Jahre in sehr offensiven Mannschaften, die stets druckvoll und initiativ agierten. 

Bei der WM 2010 besiegte die deutsche Elf ihre Gegner mit Kontern, Bayern München in der Triple-Saison 2013 spielte ähnlich. Der Stil beider Teams änderte sich bald, nicht aber ihr Sturmdrang. Unter Pep Guardiola griff Bayern nicht selten mit acht oder neun Spielern in Strafraumnähe an, Löw orientierte sich daran.