Im Internet kann man sich das Tor, mit dem Toni Kroos Deutschland einen Fußballorgasmus geschenkt hat, in Dauerschleife anschauen. Wieder und wieder schickt er den Ball mit seiner spektakulär breiten Fußinnenseite, die im Fußball so wichtig ist, auf den Weg. Dann gleitet der Ball ins Netz, immer an der gleichen Stelle. So erzielt Kroos zehn-, zwanzig-, fünfzigmal denselben Freistoßtreffer hintereinander. Das Tor im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit.

Doch Kroos braucht gar keine digitale Hilfe. Mal angenommen, er schösse tatsächlich zehn Freistöße, analog, immer vom selben Punkt – er würde mindestens siebenmal auf die gleiche Art wie in der 95. Minute treffen, vielleicht auch zehnmal. Schon im Spiel gegen Mexiko scheiterte er nur knapp an der Latte.

Kroos' Tor gegen Schweden hatte mit Glück zu tun, es fiel in letzter Sekunde. Doch war es kein Zufall. Kroos verfügt über eine bewundernswerte Schusstechnik, auf die er sich auch in schwierigen Momenten verlassen kann. Überhaupt ist er mit den höchsten Fähigkeiten ausgerüstet, die ein Mittelfeldspieler braucht. Vor allem sein Passspiel glänzt. Seine Erfolgsquote liegt stabil zwischen 90 und 95 Prozent, auch gegen Schweden, als er mit einem Fehler das Gegentor einleitete.

Deutsche Weltklasse

Neben Manuel Neuer und (mit Abstrichen, weil oft verletzt) Jérôme Boateng bildet Toni Kroos die deutsche Weltklasse. Das heißt: Es gibt keinen auf der Welt, der auf seiner Position bedeutend stärker ist. Doch Deutschland kann nur dann Weltmeister werden, wenn sein bester Fußballer in Russland mehr macht als passen, passen, passen. Kroos wird etwas Neues tun müssen, nämlich die Verantwortung für das Ganze übernehmen. Schweden war ein guter Anfang.

Schon wer den 16-jährigen Toni Kroos kicken sah, erkannte, dass das ein Besonderer wird. Als Mehmet Scholl einmal bei der A-Jugend trainierte, fiel ihm Kroos sofort auf. "So einen guten Spieler", sagte Scholl wenige Jahre später, "hat es bei Bayern seit 20 Jahren nicht gegeben." Bei seinem ersten Spiel für Bayern im Jahr 2007 legte Kroos nach seiner Einwechslung Miroslav Klose mit zwei Flanken zwei Tore gegen Energie Cottbus auf.

Heute ist Kroos der perfekte Fußballer für Mannschaften, die auf offensiven Ballbesitzstil setzen, wie Real Madrid und die deutsche Elf. Mit Übersicht, Konstanz und Präzision trägt er deren Angriffe nach vorn. Er beherrscht alle Formen des Zuspiels, nicht nur den Querpass, wie seine Verächter sagen. Auch den Steilpass durch die Gasse, in den Lauf des Stürmers. Gegen Schweden ebnete er mit einem gut getimten diagonalen Zuspiel auf Timo Werner  den Weg zum Ausgleich.

Der moderne Netzer

Es gibt eine Disziplin, in der Kroos der Allerbeste ist, wohl auch der Beste aller Zeiten: den Flugball, also das lange Zuspiel über 30 bis 50 Meter über die Gegenspieler hinweg. Seine Versionen sind keine gelupften, wie etwa die von Joshua Kimmich oder Xabi Alonso. Die sind auch gut, aber die von Kroos zeichnen sich durch Schärfe aus. Sie sind flacher, dadurch fliegen sie schneller, sind eher am Ziel und trotzdem genau. Kroos ist der moderne Netzer.

Doch es gibt auch einen anderen Toni Kroos, den schon immer Zweifel begleiteten. In München waren nicht alle überzeugt von ihm. Über Kroos denke man dort, sagt einer, der alle Beteiligten kennt, er sei keiner, der vorangehe. Sondern einer, der schon mal sein Talent zur Schau trage. Da sei was dran, doch sei es ebenso ein großer Fehler gewesen, ihn nach Madrid zu verkaufen, zudem für wenig Geld.

In der Tat kommt es vor, dass Kroos Mitspieler auf dem Platz anherrscht. In der Nationalmannschaft, wohlgemerkt, zuletzt erging es Marco Reus so. Mit jeder solcher Gesten und auch mit mancher kritischen Aussage isoliert er sich ein Stückchen. In Madrid ist Kroos unter seinesgleichen. Aber auch dort hat er Zuträger: den brasilianischen Rausschmeißer Casemiro, aber auch Luka Modrić erobert mehr Bälle.