32 Mannschaften treten bei der Fußball-Weltmeisterschaft an. Für jede hat ein Redakteur oder Autor von ZEIT ONLINE oder DIE ZEIT die Patenschaft übernommen. Unsere WM-Paten begleiten ihr Team durchs Turnier und schreiben persönliche Spielberichte. Vor dem Anpfiff haben sie ihre Jungs porträtiert. Hier: Tunesien.

Tunesier scheuen sich nicht vor großen Aufgaben. Man denke nur an Hannibal, den berühmten antikischen Kriegsherren aus Karthago, dem heutigen Tunis. Um den Römern, also quasi den Italienern, den Marsch zu blasen, hat er sogar Elefanten über die Alpen geführt. 

Trotzdem wartet auf die Nationalmannschaft Tunesiens, "die Adler von Karthago", die nächste schier unmögliche, womöglich noch schwierigere Aufgabe. Bei der fünften WM-Teilnahme soll endlich die Vorrunde gemeistert und damit das Achtelfinale erklommen werden. Das Problem: Der Kader ist gespickt mit no names, dazu warten in der Gruppe G die Geheimfavoriten aus Belgien und England. Der letzte tunesische WM-Sieg datiert aus dem Jahr 1978, damals reichte es zu einem 3:1 gegen Mexiko. Der Chefstratege und Trainer Nabil Maaloul hätte wohl mehr Aussicht auf Erfolg, wenn er eine Alpensafari mit afrikanischen Großsäugern planen würde. Oder die Erneuerung der SPD anleiern müsste.

Selbst unter den afrikanischen Außenseitern ist Tunesien der Underdog. Zur Erinnerung: Afrikanische Teams haben es bei Weltmeisterschaften nie leicht. Mehr als das Viertelfinale war bisher nicht drin. Und unter den fünf afrikanischen Teilnehmern ist Tunesien am schwächsten aufgestellt. Nigeria hat den Swag und die schönsten Trikots; bei Marokko steht Bono im Tor; die Ägypter dürfen sich auf Mo Salah freuen, den vielleicht besten Fußballer des vergangenen Jahres. Beim Senegal spielt Sadio Mané, ein Liverpool-Kollege Salahs und Torschütze im Finale der Champions League. Bei Tunesien hat sich Youssef Msakni, der mit Abstand beste Stürmer, das Kreuzband gerissen und fällt aus.

Was bei Tunesien nie ausfällt: das Herz. Es gibt kaum eine afrikanische Mannschaft, die so verbissen spielt wie die Tunesier. Manchmal sieht es fast griechisch aus, wenn die Innenverteidiger in Richtung der gegnerischen Stürmer galoppieren. In der Qualifikationsphase beeindruckte die Mannschaft zeitweise mit einer Viererkette aus Stahlbeton und kassierte nur vier Gegentore. Der Kampfgeist zeigte sich zudem in der Vorbereitung. In den Testspielen gegen Portugal und die Türkei lag Tunesien immer zurück, spielte gegen gute Gegner aber jeweils noch 2:2. 

Schönen Fußball darf man von den Tunesiern nicht erwarten. Auch wenn mit dem famosen Offensivspieler Wahbi Khazri von Stade Rennes ein Guter im Kader steht. Doch so sprudelig wie die benachbarten Algerier im Jahr 2014 (unter anderem gegen Deutschland) werden die Nordafrikaner auch mit Khazri nicht stürmen. Was es ganz sicher zu sehen gibt: viele Grätschen, blaue Flecke bei den Gegnern. Und womöglich beeindruckte Engländer, gegen die es im Auftaktspiel geht. Die haben in den vergangenen Jahren immerhin oft genug vorgemacht, wie man gegen Underdogs verliert.

Warum wird dieses Team Weltmeister?

Weil Tunesien immer ein hässliches 1:0 zuzutrauen ist. Und sieben 1:0-Siege reichen bekanntlich sicher zum Titel.

Warum vielleicht doch nicht?

Weil Tunesien keinen Weltklassetorhüter im Team hat. Mit Mouez Hassen spielt der bekannteste Keeper nur in der zweiten französischen Liga.

Wer kommt ganz groß raus?

Der Rechtsaußen Anice Badri vom tunesischen Topteam Espérance Tunis. Trifft international im Schnitt viermal so oft wie in der Liga. Starke Leistungen in den Vorbereitungsspielen und in der afrikanischen Champions League.