32 Mannschaften treten bei der Fußballweltmeisterschaft an. Für jede hat eine Redakteurin oder ein Autor von ZEIT ONLINE oder DIE ZEIT die Patenschaft übernommen. Unsere WM-Paten begleiten ihr Team durchs Turnier und schreiben persönliche Spielberichte.

Uruguay – Russland 3:0 (Spielbericht, ARD-Highlights)

Es ist einfach billig, überholt und fast verboten, einen Text über Russlands Nationalmannschaft mit dem Thema Doping zu beginnen. Außer man ist WM-Pate von Uruguay und also maximal parteiisch. Dann darf man das.

Heute hat die russische Elf, nach zuvor zwei Siegen, acht Toren und ein paar Gerüchten, gegen Uruguay im letzten Spiel der Gruppe A den Beweis angetreten, dass sie entweder überhaupt nicht oder sehr, sehr schlecht gedopt ist. Wobei man fast hofft, dass ein Fehlgriff im Medikamentenschrank verantwortlich ist für diese unansehnliche, graue, ahistorische Leistung. Überdosis Hustensaft? Klosterfrau Melissengeist?

Irgendetwas muss beispielsweise der Abwehrmann Sergej Ignaschewitsch – das war mit Abstand die skurrilste Szene des Spiels – in der zehnten Minute benebelt haben, als er vor einem Freistoß mit voller Überzeugung und ganzer Muskelkraft zwei Uruguayer aus der Mauer schob und somit den Weg freiräumte für Luis Suárez, der den Ball krooshaft ins Netz zirkelte. Wobei er eigentlich gar nicht viel zirkeln musste, die Schussbahn war ja frei.

Und irgendetwas muss den Russen sinnlose und ziellose Kraft verliehen haben, dass sie den Ball aus guter Freistoßposition so über den Strafraum prügelten ("wie Hammerwerfer", ZDF-Experte Holger Stanislawski). Dass wiederum Tscheryschew in der 23. Minute einen Distanzschuss ans Bein bekam und ihn ins Tor ablenkte, das war einfach Zufall und Pech und addierte sich so nebenbei zur Unschönheit des russischen Spiels. Wie auch die Gelb-Rote Karte von Smolnikow in der 36. Minute, der ganze acht Minuten davor eine Gelbe Karte gesehen hatte. Was passiert also mit Russland im Achtelfinale, wenn es ernst wird? Mein nicht so gewagter Tipp: Sie fliegen raus.

Sehr gute Sozialprognose dagegen für mein Patenkind, Uruguay. Dieses talentierte und engagierte Kind bereitet mal wieder Freude. Drei Spiele, drei Siege, neun Punkte. Fünf Tore geschossen, kein einziges Gegentor kassiert. Himmelblau leuchtendes Beispiel für die schwach oder gar nicht mehr glimmenden Nachbarn aus Argentinien und Brasilien.

Die alte Abwehr steht so bombensicher wie – hier eine Sehenswürdigkeit aus Montevideo einfügen. Suárez und Cavani kombinieren sich durch die Offensive, wobei alles noch etwas passgenauer werden muss, mechanischer, etwas präziser, man kann sagen: belgischer. Cavani, die hellblaue Muskelmaschine, hat zudem ein paar Chancen zu viel liegen lassen ("Cavani kommt zu spät", war so ein gebräuchlicher Moderatorensatz in diesem Spiel). Cavani verzerrte schon das Gesicht, trommelte auf den Rasen der Kosmos-Arena von Samara (der übrigens, Small-Talk-Wissen, von einem deutschen Rasenzüchter stammt).

Bis er dann, Cavani, dieser Mensch aus Willen, Haaren, Sehnen, Muskeln, in der 90. endlich den Ball ins Tor stocherte. Uruguay ist hungrig, aber zum Glück nicht mehr so hungrig, dass Luisito irgendjemanden in die Schulter beißt. Hoffentlich bleibt das so. Suárez ist entscheidend für diese Mannschaft. Entscheidend ist also auch, wohin der Zeiger bei ihm ausschlägt: Genie oder Wahnsinn. Wenn Suárez frustriert ist und überladen mit Erwartung und Druck, tendiert er dazu, absurden Unsinn zu machen. Hoffen wir also, seine Freude hält an.