Nein, dieser Text soll keine Angst machen. Deutschland wird vermutlich trotzdem gegen Südkorea das Achtelfinale bei der WM in Russland erreichen. Und hätte damit etwas geschafft, das selten vorkommt in diesem Jahrtausend. Bei drei von vier Weltmeisterschaften schied der Titelverteidiger jeweils in der Vorrunde aus. Nur die Brasilianer schleppten sich 2006, auch dank einer extrem leichten Gegnerschaft, bis ins Viertelfinale. 

Die Gründe dafür sind vielfältig, jede Mannschaft ist als gesonderter Fall zu betrachten. Was aber Frankreich (2002), Italien (2010) und Spanien (2014) einte: Alle diese Teams hatten ihren sportlichen Höhepunkt bei dem Versuch, den Titel zu verteidigen, schon überschritten. Sie waren von der Kaderstruktur her vergleichsweise alt, was daran lag, dass die Trainer in erster Linie jenen Spielern vertrauten, die vier Jahre zuvor den Pokal gewonnen hatten.

Ein enges Titelfenster

"Es ist enorm wichtig, immer wieder neue Spieler hinzuzunehmen, um die Gruppe mit Leben zu füllen", sagt Mario Eggimann, der 2010 als Verteidiger mit der Schweiz an einer Weltmeisterschaft teilgenommen hat und sich nach seiner Karriere intensiv mit sportpsychologischen Aspekten beschäftigt. Es geht vor allem darum, kein unterbewusstes Gefühl von Sicherheit zu erzeugen. Der Wettkampfgedanke muss intern hochgehalten werden.

Das Zeitfenster im Spitzenfußball, in dem Mannschaften in einer bestimmten Besetzung Titel gewinnen können, ist ohnehin extrem eng. Drei, vielleicht vier Jahre, schätzen Fachleute. Die Leistungsdichte an der Spitze ist einfach zu groß. Versäumen es Trainer, ihre Teams neu zu strukturieren, setzt mindestens Stagnation ein. Frankreich vertraute 2002 in Japan und Südkorea im Kern auf Fabien Barthez, Marcel Desailly, Zinédine Zidane, Emmanuel Petit oder Bixente Lizarazu. Alle waren in Asien bereits über 30 Jahre alt, ihren sportlichen Zenit hatten sie vier Jahre zuvor in Frankreich und beim darauffolgenden EM-Titel erklommen. Das Argument, ihre Erfahrung würde schwerer wiegen als alles andere, entpuppte sich als schlicht falsch. 

Deutschland ist vergleichsweise jung

Ähnliches galt 2010 für Italien mit den Weltmeistern Gianluca Zambrotta, Fabio Cannavaro und Mauro Camoranesi. Und noch extremer gestaltete sich die Situation bei Spanien 2014. Trainer Vicente del Bosque stand vor der schwierigen Frage, ob er einigen Spielern, die für die erfolgreichste Zeit der Verbandsgeschichte standen, vor den Kopf stoßen soll oder ob er ihnen ein weiteres Turnier gewährt. Del Bosque, der seinen Fußballern immer loyal gegenüber auftrat, entschied sich für Letzteres und scheiterte damit. David Villa, Xavi, Iker Casillas oder auch Xabi Alonso waren in Brasilien dem Tempo der ehrgeizigen Gegner nicht mehr gewachsen. 

Auch wenn es in den ersten zwei Gruppensielen gegen Mexiko und Schweden anders aussah, dürfte Deutschland in dieser Hinsicht keine Probleme bekommen. Der Titelverteidiger stellt in Russland den sechstjüngsten Kader aller Teilnehmer (27,1 Jahre), ist damit aber deutlich älter als vor vier Jahren (25,8 Jahre). Löw hat die Mannschaft stärker verändert als zur Europameisterschaft in Frankreich. Joshua Kimmich und Timo Werner haben es in die Startformation geschafft, Julian Brandt erweist sich als belebendes Element, Sebastian Rudy oder Leon Goretzka drängen auf Einsätze. Die Mannschaft erscheint besser durchmischt, auch wenn ein Großteil der Weltmeister von Brasilien das Gerüst bildet. Für einige dieser Spieler (Boateng, Hummels, Müller, Khedira) dürfte es tatsächlich schwer werden, noch einmal ihr früheres Niveau zu erreichen.

Nur wenige sind besser als vor vier Jahren

Ein Blick in die Historie zeigt, dass Weltmeistermannschaften oft ein Turnier zum Aufbau benötigen, um dann, mit leichten personellen Veränderungen, vier Jahre später den Titel zu gewinnen. So war es bei den Spaniern 2006 und den Deutschen 2010, die zwar mit hervorragendem Fußball überzeugten, insgesamt aber zu unerfahren waren.

Es gibt nur wenige Spieler, die bei ihrer dritten WM-Teilnahme besser spielten als bei ihrer zweiten. Was eher körperliche als mentale Gründe hat. Die Theorie, dass Spielern nach einem Titelgewinn der Hunger abgeht, noch einmal das Maximum aus sich herausholen, ist unter Sportpsychologen umstritten. Ob ein Spieler auch nach großen Siegen den Antrieb verspürt, sein Niveau halten zu wollen, hängt demnach von seiner Persönlichkeitsstruktur ab. Problematisch werde es erst, wenn das bei zu vielen Spielern nicht mehr der Fall ist.

Das Spiel gegen Südkorea, dem vermeintlich leichtesten Gruppengegner, wird also auch Aufschluss darüber geben, welch mentalen Charakter der Titelverteidiger in Russland besitzt.

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