Sieh an, aus dem ein oder anderen Auto wehte ein Russland-Fähnchen. Die ersten Mutigen stimmten schon das Katjuscha-Lied ein, das von einem Mädchen handelt, das auf ihren Geliebten wartet, der als Soldat Russlands Grenzen schützt. Normalerweise ist das ein Hit in Russlands Fankurven. Und hier und da schallten sogar Rossija-Rufe vom Public Viewing im Schatten der kunterbunten Erlöserkirche in St. Petersburg.

Na geht doch, möchte man sagen. Auch wenn sich einige grölende, weiß-blaut-rote Fahnen schwingenden Männer als Fans aus dem Iran entpuppten. Doch dank des klaren 5:0-Sieges der Russen gegen Saudi-Arabien war nun auch in St. Petersburg, der Metropole für Hochkultur, WM-Stimmung.

Bisher war es ja so: Während in Moskau ein lateinamerikanisches Volksfest stattfindet, scheinen die Petersburger ihre Berührungsangst mit den Fanritualen noch nicht ganz überwunden zu haben. Denn noch am Tag vor dem Eröffnungsspiel war in Russlands Kulturhauptstadt, mit fünf Millionen Einwohnern die zweitgrößte Metropole des Landes, nur wenig von der Vorfreude auf das Turnier zu spüren.

Dabei ist St. Petersburg nicht irgendein Spielort. Neben einer Reihe von Gruppenspielen findet auch ein Achtelfinale, das Halbfinale und das Spiel um Platz drei hier statt. Moskau und St. Petersburg, das sind die Zentren dieser WM.

1,4 Milliarden für ein Stadion

Auch sonst ist Petersburg eine Macht in der russischen Fußballwelt. Die neue Arena, direkt am Strand des Finnischen Meerbusen gelegen, gehört zu den wenigen Stadien in Russland, die regelmäßig ausverkauft sind. Transparency schätzt die Kosten für den Bau auf 1,4 Milliarden Dollar, was die Arena zur zweitteuersten Sportstätte der Welt macht. Und das Team der Stadt, Zenit, Teil des Gazprom-Imperiums, ist stets ein aussichtsreicher Kandidat für die Meisterschaft.

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Und dennoch wird Piter, wie die Russen sagen, von Fußballfans belächelt. Voll werde das Stadion eh nur, weil die Ticketpreise subventioniert werden, und weil das Stadiondach für Wohnzimmeratmosphäre sorgt. Der Club sei mit Gasmillionen vom Staat gepäppelt. Kein Wunder also, dass man Petersburg eher für seine Theater, Museen und Opernhäuser schätzt.

Fast 180.000 Fans aus aller Welt sollen zum WM-Start bereits im Lande sein, berichtete das Portal Sports.ru. Die meisten davon aus Deutschland, Belgien und Polen. Etwa zwei Drittel davon halten sich in Moskau auf, wo Fans aus Saudi-Arabien und Marokko vor den Kremlmauern gegeneinander ansingen, während Fans aus Peru und Mexico Selfies im aufwendig aufgestylten Zentrum von Russlands Hauptstadt machen.

Die Stimmung: mürrisch

In Petersburg hingegen muss man lange suchen, bis man Menschen findet, die wegen des großen Turniers hier sind. Dabei gab es sie beinahe schon, die Petersburger WM-Stimmung. Erst ein paar Wochen ist es her, da ratterten die Bohrhämmer, Asphaltfräsen bissen sich in den alten Straßenbelag mit seinen tiefen Spurrillen, während anderswo bereits die Walzen dampfenden Teer verteilten. Plötzlich tauchten auf den Metrokarten neue Stationen auf, eine direkt vor dem neuen Stadion. Wer die grüne Linie zur WM-Arena nehmen will, der gleitet nun in einem nagelneuen Metrozug durch die Tunnel, während die alten Züge auf den Nachbarstrecken lautstark von Station zu Station poltern.

In Russland bedeuten sportliche Großereignisse für die meisten Bewohner vor allem eines: Baustellen. Der Sound der WM, bisher sind das für die Russen der Lärm der Maschinen und abgesperrte Straßen. Die Stimmung vor der WM war etwas mürrisch, doch man wusste zumindest: Hier kommt bald etwas Großes. Auch wenn Wladimir Putin im Vorfeld der WM verkündete, er wolle weder Aktionismus noch Akkordarbeit vor der WM sehen. Doch ohne diese Tradition geht es eben nicht.