32 Mannschaften treten bei der Fußballweltmeisterschaft an. Für jede hat eine Redakteurin oder ein Autor von ZEIT ONLINE oder DIE ZEIT die Patenschaft übernommen. Unsere WM-Paten begleiten ihr Team durchs Turnier und schreiben persönliche Spielberichte.

Brasilien – Mexiko 2:0

Der gestrige Sonntag, sagen sie, werde ein historischer gewesen sein. Allgemein gestaltet sich die politische Lage aktuell äußerst schwierig. Die Grenze zum Nachbarland erhitzt die Gemüter, und innenpolitisch verhalten sich die Politikerinnen und Politiker bisweilen erratisch. Ob der Linksnationalist López Obrador, der der bisherigen Regierungspartei PRI eine geschichtsträchtige Pleite zufügte, etwas daran ändern kann, dass das Land seit Jahren von steigenden Kriminalitäts- und Mordraten heimgesucht wird, bleibt abzuwarten. Jedenfalls wählte die mexikanische Bevölkerung Obrador mit großer Mehrheit.

Ob die mexikanischen Spieler dem Facebook-Aufruf meines mexikanischen Cousins "Hoy todos a votar!!!! Es tú derecho y obligación como Mexicano!!!!!" (Heute alle abstimmen!!!! Es ist dein Recht und Pflicht als Mexikaner!!!!) nachkamen, liegt naturgemäß außerhalb meines Wissenshorizontes. Dieser erscheint mit mir nach drei Stunden Flug von Kreta nach Berlin sowieso verhältnismäßig eng. Und auch ob man in Mexiko über kausale und temporäre Zusammenhänge von politischer Krise und dem möglichen Versagen des Nationalteams nachdenkt, entzieht sich mir ebenso. 

Der Brasilien-Fluch

Ist man abergläubisch, und das bin ich mindestens so sehr wie die mexikanischen Zeitungen, dann steht das Spiel unter suboptimalen Voraussetzungen. Seit 1994 schied Mexiko verlässlich im WM-Achtelfinale aus, seit Jahren ist von einem Fluch die Rede.

Potenzierend kommt hinzu, dass sie eigentlich ständig gegen Brasilien verlieren, was man auch als kleinen Fluch bezeichnen könnte. Unterm Strich kommen wir auf 1,5 Flüche, mit denen das Team vor Anpfiff belegt ist.

Erst einmal bin aber nur ich vom Schicksal benachteiligt. Der Flug hat Verspätung, in Berlin kommt der Koffer nicht, das Spiel beginnt, in der U-Bahn bricht die Verbindung zum Livestream immer wieder ab. Deswegen verpasse ich auch weitestgehend die ersten 20 Minuten, in denen Mexiko spielt, als wolle es alle Fußballflüche vertreiben. Es sei bisher das qualitativ beste Achtelfinale, sagt Béla Réthy, als ich mit letzter Kraft den Computer in der Redaktion anschmeiße.

Trainer Juan Carlos Osorio, der eigentlich schrecklich Unbeliebte, hat eine neue Taktik gewählt, und mithilfe derer glänzen die Mexikaner gut 25 Minuten lang. 

Ochoa hält

Einen Hauch dieses Glanzes bekomme ich also noch gut fünf Minuten lang mit. Allein, es ist momentan eine ungünstige Situation, um in deutschen Redaktionen euphorisch Fußball zu schauen. Mit Kopfhörern auf den Ohren drehe ich mich ein paar halbe Drehungen auf dem Drehstuhl und schaue verstohlen in schweigende Gesichter. Als würde sich ein wenig von dieser Atmosphäre auf mein Patenteam übertragen, beginnen die Mexikaner schwächer zu werden.

Einzig Torwart Guillermo Ochoa, wie schon im Spiel gegen Schweden, hält seine Form. Und viele Bälle, die nun auf sein Tor fliegen.

Béla Réthy erklärt derweil noch einmal, dass am Anfang Mexiko besser war und es jetzt die Brasilianer sind. In seiner Schlussfolgerung macht diese Aufteilung ein "gutes Fußballspiel".

Aber wäre es nicht richtig gut, wenn beide Teams gleichzeitig gut spielten?

Er liegt rum, er schießt auf das Tor

Dazu wird es jedenfalls nicht mehr kommen. Brasilien hat nun klar mehr Chancen, die mexikanischen Angriffe verdienen sich eher das Prädikat harmlos. Zur Halbzeitpause steht es 0:0, und ich weiß nicht so recht, ob dies ein guter erster Arbeitstag nach dem Urlaub wird.

In der Folge muss ich ein einziges Anrennen auf das mexikanische Tor beobachten. Besonders Neymar tut sich hervor. Mal schießt er aufs mexikanische Tor, mal liegt er auf dem Boden herum. In der 47. Minute eine Spitzenchance für Brasilien. Ochoa steht und hält aber noch immer wie eine Eins.

Dann Aufregung: ein mexikanischer Gegenangriff durch Andrés Guardado. Dieser sieht vor dem Tor allerdings Lozano nicht, was schlecht ist, denn der steht mutterseelenallein auf der linken Seite und hätte ein Tor schießen können. Das macht dafür auf der anderen Seite Neymar. Willian bereitet wunderschön vor, Neymar muss den Ball nur ins Tor schieben. Ich schreie kurz, der Chefredakteur hinter mir schaut belustigt. Dabei ist es gar nicht lustig. Der Fluch, er scheint erneut zuzuschlagen.

Immerhin bemüht sich Mexiko redlich. Es klappt nur nicht mit den Chancen und den Toren.

Die Luft ist raus

Ich schnappe das Wort "Guadalajara" auf. In dieser mexikanischen Stadt war ich auch schon mal. Und noch immer bette ich meinen Kopf auf ein Kissen, das ich dort im Hotel Mexiko 70 mitgehen ließ. Auf ein solches Kissen möchten sich die Mexikaner zu diesem Zeitpunkt auch gerne ausruhen wollen, wie mir scheint. Denn Mexiko hat bis zur 60. Minute schon dreimal gewechselt, die Luft ist raus.

Nicht so bei Neymar. Trotzdem windet er sich in der 70. Minute mit dem Tode kämpfend auf dem Grün. Ein Mexikaner ist ihm auf den Fuß getreten. Das überprüfe ich in der Zeitlupe. Es ist nicht fein, das gebe ich zu. Aber Neymars Körpersprache (sich winden, auf den Boden schlagen, weinen, beten) wirkt, als stünde er kurz vor der Fußamputation. Oder, wie Réthy sagt, "als hätte er seine Finger in eine 1.000-Volt-Steckdose gesteckt".

Die mexikanischen Fans steigern in der Zwischenzeit ihre Fangesänge, was ich eine schöne Geste finde. Ich hole mir rasch einen Kaffee zur Stärkung. Aber nichts hilft. 87. Minute: die Entscheidung durch Roberto Firmino, 2:0 für Brasilien.

Die Mexikaner sind müde, aber sie probieren es weiter. Ähnlich geht es mir. Auch ich bin müde. Der wilde Autoritt an der Küste Kretas heute Morgen um fünf, der Feueralarm am Flughafen, das Starren auf das Gepäckband, die vergeblichen Mühen meines Patenteams. All das hat mich erschöpft.

Morgen, wenn ich ausgeschlafen habe, werde ich melancholisch dem gescheiterten mexikanischen Versuch gedenken, diesen verdammten Fluch zu besiegen. Und mich auf den nächsten Versuch freuen. 2022.