32 Mannschaften treten bei der Fußballweltmeisterschaft an. Für jede hat eine Redakteurin oder ein Autor von ZEIT ONLINE oder DIE ZEIT die Patenschaft übernommen. Unsere WM-Paten begleiten ihr Team durchs Turnier und schreiben persönliche Spielberichte.

Uruguay – Frankreich 0:2

Als fachfremder Beobachter bereitet man sich ja besonders gewissenhaft auf die Aufgabe vor, von einem Fußballspiel zu berichten. Gerade wenn man fest davon ausgeht, dass dieses Spiel, obwohl es doch das Viertelfinale einer Weltmeisterschaft ist, brülllangweilig werden wird. Frankreich gegen Uruguay, das kann eigentlich nur so laufen: Uruguay stellt sich hinten rein, Frankreich spielt uninspiriert um den gegnerischen Sechzehner herum, bis das Geschiebe durch eine öde Standardsituation und einen himmelschreienden Torwartfehler entschieden wird, selbstverständlich für Frankreich. 2:0, Schluss. Ansonsten passiert absolut nichts Bemerkenswertes, außer dass Mbappé einen vierfachen Neymar springt: von einem gegnerischen Luftzug gestreift werden, dramatisch zu Boden sinken, 20 Sekunden Sterben simulieren, wundersam wiederauferstehen.

Also noch mal ganz zurück, bis zur Vorbereitung auf das Spiel. Da testet man zum Beispiel am Kantinenmittagstisch die Frustrationstoleranz des Kollegen Sportredakteur für Wortspiele den Gegner des eigenen Patenteams betreffend, irgendwas mit "Biss" (Suárez) und "Haaren" (Cavani). Das Gesicht des Kollegen, genau: spricht Bände. Okay, dann eher keine Wortspiele.

Kurz vor Spielbeginn noch der Versuch eines Fachgesprächs. Welche These stimmt denn nun: Dass die französische Mannschaft immer noch nicht ihr wahres Leistungsvermögen habe abrufen müssen, auch nicht beim raderdollen 4:3 gegen Argentinien im Achtelfinale, die Argentinier seien halt erbarmungswürdig schlecht gewesen – oder dass von der Équipe Tricolore so lange kein Zauberfußball zu erwarten sei, solange ihr Trainer Deschamps bei seiner stockkonservativen Strategie bleibe? Letztere Behauptung stimme eher, sagt der Sportredakteur, der zudem ein Fußballfest gegen Uruguay für zumindest nicht völlig ausgeschlossen hält. Der Mann ist offenbar Berufsoptimist.

Nach 20 Spielminuten ungefähr fühlt man selbst sich indes in seinen schlimmsten Befürchtungen bestätigt: Das Schönste am ersten WM-Viertelfinale sind die wimbledonweißen Tennisoutfits der französischen Fußballnationalmannschaft. Es zieht sich bereits. Höchste Zeit, endlich mal die alternativen Kameraoptionen des ZDF-Livestreams auszuprobieren, der herkömmlichen Fernsehregie gelingt es auch mit noch so vielen Schnitten, Superzeitlupen und Großeinstellungen nicht, Spannung in das Geschehen zu bringen, respektive selbige zu simulieren. Taktik- und Trainerbankkamera jedoch, merkt man schnell, sind auch nur etwas für echte Connaisseure des totalen Stillstands. Die eine Einstellung ist zu weit weg, die andere zu nah dran, es bleibt alles furchtbar statisch.

Die Spidercam indes, die über den Köpfen der Akteure auf dem Rasen fliegt, offenbart den womöglich größten Schauwert des Spiels bis dahin in seiner ganzen Pracht: die kunstvoll überkämmte Glatze des Schiedsrichters Néstor Pitana, vertikal von oben betrachtet eine ziemlich durchschaubare Angelegenheit. Angesichts der verletzungsbedingten Abwesenheit von Cavani ist Pitana, doch, doch: der unangefochtene Haarstar der Partie.

Pitana beherrscht alle "signature moves"

Und weil auf dem Platz weiterhin nichts passiert, konzentriert man sich statt auf den Ball nun eben auf den Schiedsrichter, der einem schon beim Eröffnungsspiel der WM durch seine sogenannte Körpersprache aufgefallen war. Ausgreifende Armbewegungen, hochgereckte Zeigefinger, fantastisches Aufplustern nach jedem Pfiff, strenge Na-na-na-Miene bei jedem Spielerprotest – der Argentinier Pitana beherrscht alle signature moves der alten Schule südamerikanischer Großgestenschiedsrichterei. Nun wird man doch ein wenig sentimental.

Eine schnelle Google-Suche ergibt, dass Pitana erstens erheblich jünger ist, als er aussieht, nämlich erst 43; dass er – schlechtes Omen für Frankreich – 2014 doch tatsächlich das WM-Viertelfinale Deutschland gegen eben Frankreich gepfiffen hat, da war er einem gar nicht so aufgefallen; und drittens, so schreiben die Boulevardkollegen der britischen Sun, sei Pitana im Nebenberuf Fitnesstrainer und, jetzt kommt's: "ehemaliger Schauspieler".