Am 29. November 2010 saß Wayne Rooney in Unterhosen auf dem Sofa und schaute sich etwas an, von dem er lange gedacht hatte, dass es nicht möglich sei. Mit voller Wucht klopfte er sich immer wieder auf seine haarigen Oberschenkel und rief dabei entrückt: "Das ist das großartigste Spektakel, das ich je gesehen habe."

Er sah zu, wie der FC Barcelona den Rivalen Real Madrid mit 5:0 nach Hause schickte. Xavi, Iniesta, David Villa und Lionel Messi wimmelten und wuselten über den Platz, überall schienen sie zu sein. Sie passten und dribbelten, immer und immer wieder, bis der Ball im Tor lag. So oft, dass dieses Spiel in die Geschichte eingegangen ist. Vielleicht hat nie wieder eine Mannschaft vollkommeneren Fußball gespielt, es war der Ballbesitzfußball von Pep Guardiola.

Die Idee ist simpel und folgt dem Bolzplatzprinzip. Auch dort will jedes Kind den Ball haben. Nur wer den Ball hat, kann Tore schießen. Wer den Ball hat, ist kreativ, denkt sich etwas aus, spielt das, was wir Fußball nennen. Richtig angewendet, kann Ballbesitz Tore von vollendeter Schönheit malen. Er kann Überlegenheit schaffen, wie es sie nie gegeben hat. Und Mannschaften, die als ewige Sieger in die Geschichte eingehen.

Doch acht Jahre später ist Ballbesitz in den Augen vieler Menschen gestorben. Beerdigt in Russland, zu Grabe getragen von den Spaniern selbst. Sie waren es, die eines der skurrilsten Spiele der WM-Geschichte verloren. Im Achtelfinale gegen Russland schoss der Gegner in 120 Minuten nicht einmal auf das gegnerische Tor. Spanien passte sich mehr als 1.100-mal den Ball zu, auf eine genaue Zahl konnten sich die Datenbanken nicht festlegen. Und doch war Spanien gegen Russland chancenlos. Chancenlos zumindest, eine Lücke zu finden gegen ein Russland, das das Gegenstück zum Ballbesitzfußball ins Extrem führte, das Verteidigen, das Gar-keine-Lust-Haben, ein Tor zu schießen. Russland verzichtete sogar auf das diesem Defensivsystem eigentlich immanente gelegentliche Kontern.

Statisch wirkte ihr Spiel, langweilig, ja seelenlos. Da war es wieder, das elende Hin- und Hergeschiebe des Balls, dem an Stammtischen und im allgemeinen Diskurs verächtlich der Charakter des Reißbretthaften, Sterilen anhaftet. Tiki-Taka halt. Auch Pep Guardiola konnte entgegen der landläufigen Meinung mit diesem Tiki-Taka nichts anfangen, in Spanien wurde seine rasante Form des Ballbesitzes el toque genannt, die Berührung. "Alles andere ist Tiki-Taka", sagte Guardiola einmal und meinte damit das sinnlose Quergeschiebe. 

Wer den Ball hat, verliert

Genau mit diesem bräsigen Fußball ist Spanien gegen Russland gescheitert. Argentinien auch. Gegen Frankreich hatten die Argentinier deutlich öfter den Ball, ohne dass dabei etwas Sinnvolles herauskam. Die Deutschen erst recht. Die lagen gegen Südkorea zu Spitzenzeiten bei 82 Prozent Ballbesitz. Südkorea gewann 2:0. Auch in den beiden anderen Vorrundenspielen hatte Deutschland viel mehr Ballbesitz als der Gegner.

Eine der verlässlichsten Regeln der WM lautet also bisher: Wer den Ball hat, verliert. Weil die zwei letzten Weltmeister (Spanien und Deutschland) als typische Ballbesitzmannschaften ausgeschieden sind und der neue Titelträger mit großer Wahrscheinlichkeit ein anderes Vorgehen bevorzugt, nämlich einen eher pragmatischeren, abwartenderen Stil, gilt Ballbesitzfußball nun als überholt. Doch das ist ein Irrtum: Richtig angewandt wird diese so natürliche Art, Fußball zu spielen, immer Erfolg bringen.